Augsburgs Ost-West-Radachse

Nachdem diese Meldung besagte, dass die “Ost-West-Radachse” nun lückenlos befahrbar sei, wollte ich das doch auch gleich ausprobieren. Denn ehrlich gesagt geht mir bei der Wortwahl ein wenig der Hut hoch. Zum einen der Begriff “Radachse”. Das klingt so, als sei das eine Hauptverkehrsader, der Weg, den man nehmen sollte, um schnellstmöglich von Ost nach West (oder andersrum) durch die Stadt zu kommen. Der Weg, der am besten ausgebaut ist. Zum anderen ist stets die Rede davon, dass diese Achse nun “geschlossen” sei – durch den Radweg in der Grottenau. Die Wortwahl hat in diesem Zusammenhang stets etwas abschließendes an sich. Und wehe, die Politik ist der Meinung, dass etwas abgeschlossen sei.

Wir haben also nicht nur eine Radachse, sondern auch noch eine abgeschlossene. Bin ich übermäßig wortkläuberisch, wenn ich dann auch einen Radweg par excellence erwarte? Eine Strecke, die vom ersten bis zum letzten Meter auf dem Stand der Dinge ist, soweit es der vorhandene Platz eben zulässt?

Die erste Bilderstrecke zeigt den Weg von Westen (Hauptbahnhof) nach Osten (Jakobertor). Es gibt gute und weniger gute Abschnitte. Der Weg zeigt fast exemplarisch, wie unterschiedlich Radwege konzipiert sind. Es beginnt als Radweg, wird zur Radspur, entlässt einen dann kurz ganz auf die Fahrspur (oder leitet einen auf den Fußweg), dann wieder auf einen Radweg, durch Bushaltestellen hindurch, wieder auf eine Radspur um dann 100 Meter vor der Jakobertorkreuzung zu enden. Die Kreuzungsbereiche auf der Achse sind zwar alle von der besseren Sorte, zeigen aber alle verschiedenen Ampelarten, die man haben kann: kombinierte Fußgänger-/Radfahrerampeln, eigene Radampeln (an unterschiedlichen Stellen montiert) und reine Fußgängerampeln (wo man sich also an die Fahrzeugampel zu halten hat). Eine einheitliche Ampel-Systematik würde es allen Verkehrsteilnehmern erleichtern, Abläufe und potentielle Gefahren insbesondere beim Abbiegen zu verinnerlichen. Durch den ständigen Wechsel hingegen muss man sich nicht wundern, wenn z. B. die speziellen Radampeln komplett übersehen werden oder RadfahrerInnen auf das falsche Lichtsignal reagieren.

Die Gegenrichtung, also vom Jakobertor zurück Richtung Hauptbahnhof, ist die imho schrecklichere. Das fängt schon mit dem Jakobertor an – für das man jetzt schlecht jemanden verantwortlich machen kann. Das steht da eben und ist in dieser Richtung richtig eng. Die Farce von Radweg, die man dort beschildert hat, sollte man aber ehrlicherweise einfach ganz sein lassen (Update: zwar ist der Weg durch das Tor nun asphaltiert, breiter wird der Weg deshalb aber auch nicht – der Weg im Tor sollte komplett entfernt werden und der Radverkehr auf der Fahrbahn geleitet werden). Das anschließende Stück Radweg zwischen parkenden Autos und Schaufenstern zählt sicher auch zu den dringendsten Aufgaben im Augsburger Radverkehr. Da sich mit dem Abriss der Augusta-Brauerei-Gebäude und der Umgestaltung des Jakobertorplatzes die nächste Großbaustelle schon abzeichnet, darf man ja darauf hoffen, dass sich dann auch die Wegführung für Radfahrer verbessert. Weniger Hoffnung besteht da in der Karlstraße. Denn die ist soeben neu gemacht und Herzstück der “Schließung” der Rad-Achse. Nur leider fährt man hier mit dem Rad direkt nach einer Kreuzung in eine Bushaltestelle – ohne Ausweichmöglichkeit. Ich durfte hier schon eingeklemmt zwischen zwei Bussen warten.

Dass man nun selbst bei geringem Verkehr in der Grottenau den PKW-Verkehr leicht stehenlässt täuscht für meine Begriffe nur wenig darüber hinweg, dass auch und gerade in dieser Fahrtrichtung der Radweg weit weg von einer optimalen Ausgestaltung ist. In manchen Bereichen dürfte es wegen der Bauwerke schwer (oder beim Jakobertor unmöglich?) werden, eine gute Lösung zu finden. In anderen Bereichen ist der Radweg einfach überaltert und schlecht markiert bzw. schlecht angelegt. Wie in der Gegenrichtung zeigt sich das ewige Durcheinander von Radwegen und Radspuren und unterschiedlichen Lichtanlagen. Und die Praxis zeigt leider auch, dass der neue Radstreifen auf der Fahrbahn nur allzu gerne als Kurzparkzone für den Lieferverkehr genutzt wird. Pikanterweise legt dieses Verhalten erst der neue Radstreifen nahe – vorher war die Schwelle stehenzubleiben deutlich höher, da man direkt den PKW-Verkehr behinderte. Allerdings darf man das optimistisch auch einfach als Umgewöhnungsphase betrachten – dem Ordnungsdienst sollten die Stellen mehr als bekannt sein.

Rad-Achse. Ich hänge mich wahrscheinlich zu sehr an diesem Begriff auf, den irgendjemand aus der Stadtplanung in seinem Buch zum VHS-Kurs “Marketing für jedermann” gefunden hat und seither euphorisch einsetzt. Aber eine Radspur in der Grottenau ist zwar schön, wirklich gut, jedoch – mit Verlaub – keine Radachse. Es ist ein Flickenteppich. Nicht einmal einer ohne Löcher (Lücke in der Prinzregentenstraße und Unterbrechung durch Bushaltestelle in der Karlstraße). Wenigstens gleiche Lichtzeichen wären doch kein großer Aufwand, oder? Dass Bushaltestellen ein schwer aufzulösendes Problem sind – geschenkt. Dass Radwege und Radspuren gemischt sind – verständlich. Zugutehalten kann man der Strecke, dass man nie in flachem Winkel über Bordsteine von der Straße auf einen Radweg wechseln muss. Man kann auch noch auf Besserung hoffen, da die Jakoberstraße wohl noch umgebaut werden wird. Aber eine Rad-Achse? Wenn das hier das höchste der Gefühle ist, das Nonplusultra an Streckenführung, dann hängt die Latte aber erschreckend niedrig.

(Titelbild: Daten von OpenStreetMap – Veröffentlicht unter ODbL)