Unfallstatistiken und das ewige Victim Blaming

Leider war auch festzustellen, dass 75% aller verletzten Radfahrer keinen Helm trugen und auch die 7 getöteten Radfahrer ohne Helm unterwegs waren.

So steht es in der Pressemitteilung des PP Schwaben Nord zur Unfallstatistik 2014 – ohne dass extern nachzuvollziehen wäre, ob oder wieviele Verletzungen und Todesfälle ein Helm hätte verhindern können. Und auch Polizeipräsident Werner Strößner weiß in der entsprechenden Pressemitteilung des PP Schwaben Süd/West ob des Umstands, „dass 8 von 12 getöteten Fahrradfahrern ohne Helm unterwegs waren“ besorgt:

Ich appelliere an Radfahrer und Fußgänger im Interesse der eigenen Gesundheit und des eigenen Lebens ihren Beitrag zur sicheren Teilnahme am Straßenverkehr zu leisten. Hierzu gehören […] beim Radfahrer das konsequente Tragen eines Fahrradhelms.

Mit Verlaub, aber… nein, nein, nein. Ein Helm trägt NICHT zur Verkehrssicherheit bei, genausowenig wie dies ein Airbag im PKW tut. Ein Helm (oder ein Airbag) verhindert keinen Unfall. Im besten Fall hilft ein Helm, die _Folgen_ eines Verkehrsunfalls zu mildern. Das ist zwar zweifellos hilfreich, aber eben nicht dasselbe. Und die ewige Erwähnung des Helmes (oder das Fehlen des selbigen) verdreht Ursache und Wirkung und ist schlichtes victim blaming. Ein Beitrag zur sicheren Teilnahme am Verkehr kann nicht zuvorderst – und es wird nun einmal immer zuvorderst und nicht selten alleinigst erwähnt – darin bestehen, mich einzupanzern, um im Falle eines Unfalls die Folgen zu mildern. Wenn ich (und alle anderen) zu sicherem Verkehr beitrage, dann, damit es erst gar keinen Unfall gibt! So wird ein Schuh draus. Und nur so.

Das soll nicht heißen, dass man die Diskussion um Möglichkeiten zur Abmilderung von Verletzungen nicht führen soll/muss/kann. Aber es ist eine eigene Diskussion (“Warum hatte der Unfall diese und jene Folgen” versus “Warum ist der Unfall passiert”), und sie sollte mit anständigen Zahlen und Fakten geführt werden, statt sie stets mit unterschwelligen Anschuldigungen in Unfallberichten und -statistiken einsickern zu lassen.

Aber wo eine Quelle ist, ist ja auch immer noch ein Zweitverwerter. Sprich, wo eine Pressemitteilung, da eine Zeitungsmeldung. Und da Journalismus sich offensichtlich darin erschöpft, eine Pressemitteilung mit dem Thesaurus in der Hand in ein paar eigene Sätze einzuwickeln statt sie inhaltlich zu bewerten, kommt dabei heraus, was herauskommen muss:

Die schwächsten Verkehrsteilnehmer tauchen vermehrt in der Polizeistatistik auf. Dabei könnten viele schwere Folgen vermieden werden.

So schreibt es die Augsburger Allgemeine in der Artikeleinleitung zu den Zahlen vom PP Schwaben Süd/West. Victim Blaming par excellence schon im zweiten Satz, denn freilich folgt die Aufklärung im Artikel auf dem Fuße:

dass sich schwere Unfälle von Radfahrern häufen – und oft ein Helm als Schutz fehlt.

Der Helm als Schutz vor … was? Dem Unfall? Ok, nein, die Folgen sind wohl gemeint, aber warum es dann auch nicht so schreiben? Nur geben ja selbst das die veröffentlichten Zahlen eben nicht her. Wie gesagt, man kann ja gerne eine Diskussion um Möglichkeiten zur Milderung von Unfallfolgen führen, aber bitte sehr getrennt von der Frage, warum es überhaupt zum Unfall kommt und bitte sehr nur vor dem Hintergrund belastbarer Fakten. All das ist hier nicht gegeben und wird fröhlich von unzähligen Zeitungen so falsch und irreführend in die Welt getragen. Na vielen Dank.

Disclaimer: Dies ist meine persönliche, nicht abschließende Meinung. Ich habe selbst oder im Bekanntenkreis glücklicherweise noch keinen tragischen Unfall erlebt, auch keinen, der mit einem Helm anders ausgegangen wäre. Ich selbst fahre mit Helm.