„Von der Bedeutung des Autos in der Fahrradstadt“ – oh weia.

Es geht um diesen Artikel in der AZ, in Bezugnahme auf diesen Artikel zum Umzug eines Radhändlers aus der Innenstadt in ein weiter außerhalb liegendes Gewerbegebiet.

Nun weiß ich ja nicht, ob die mangelnden Autoparkplätze tatsächlich der ausschlaggebende Grund für den Umzug des angesprochenen Radhändlers waren. Wenn es so war und die Klientel dieses Händlers eben überwiegend mit dem Auto anreist – dann ist es eine rationale Entscheidung. Nun hat der Mangel an Parkplätzen nur nicht explizit mit der Innenstadt zu tun (ich habe da schon Parkplätze entdeckt), noch muss (oder sollte) man an einem Einzelbeispiel gleich drohend mit „Die Bedeutung des Autos in der Fahrradstadt“ wedeln.

Ob dieser hanebüchene Zusammenhang von den IHK-Vertretern oder der AZ hergestellt wurde sei einmal dahingestellt. Es gehört wenig Interpretation dazu, hier Parkplätze und die Fahrradstadt gegeneinander positioniert zu sehen, was auf unzähligen Ebenen unsinnig ist. Jedoch kommen die Damen und Herren Wirtschaftsvertreter zu dem Schluss, „[…] Man dürfe Autofahrer nicht benachteiligen“. Und dann geht mir schon langsam der Hut hoch.

Erstens: Die Fahrradstadt, der böse Gegenpart, ist noch gar nicht da. Es ist noch nicht einmal besonders viel dafür getan worden und das, was getan wurde, hat „den Autofahrer“ sicher nicht benachteiligt (obwohl, es sei nicht verschwiegen, dass in der Jakoberstraße ein GANZER Parkplatz einer weniger lebensgefährlichen Radwegführung zum Opfer fiel – eine Schweigeminute bitte). Oder sollen wir einmal die diversen Radstreifenparker fragen, ob sie sich von den praktischen neu aufgemalten weißen Streifen benachteiligt fühlen, auf denen sie seit neuestem parken können? Oh, entschuldigung, das war polemisch. Etwa so polemisch, wie schon im Vorfeld der Anstrengung, welche das Projekt Fahrradstadt darstellt, die Schützengräben auszuheben und sich mit den immer gleichen Parolen in Stellung zu bringen, bevor überhaupt etwas passiert oder auch nur beschlossen ist.

Zweitens: Warum scheinen sich denn die Wirtschaftsvertreter stets als Autofahrerlobby zu verstehen? Die Wirtschaftsvertreter, insbesondere im Sinne der Innenstadthändler, sollten sich generell um das Wohl der Innenstadthändler sorgen, und das kann unmöglich in einem solch hohen Maße vom Auto und dem zugehörigen Parkplatz abhängen. Gefühlt beklagt sich „der Einzelhandel“ seit Jahrzehnten, dass alles schlecht ist/wird. Ist denn aber derselbe Zeitraum vornehmlich dadurch gekennzeichnet, dass massiv Parkplätze gestrichen und der Autoverkehr zurückgedrängt wurde? Wenn dies aber nicht der Fall ist, warum dann die immer gleiche Leier vom um Gottes Willen nicht „zu benachteiligenden“ Autofahrer? Warum auf einem Status Quo beharren, der so offensichtlich von Jahr zu Jahr (im Großen und Ganzen) weniger gut funktioniert? Wäre der naheliegende Schluss nicht, dass ganz andere Faktoren eine Rolle in der sinkenden Attraktivität der Innenstadt spielen? Und wäre es dann nicht Aufgabe eben jener Wirtschaftsvertreter, diese Faktoren zu identifizieren und Rahmenbedingungen für veränderte Modelle zu unterstützen statt immerfort breite Straßen, mehr Parkplätze und Semmeltasten (kostenfrei 30 Minuten parken) zu fordern, ungeachtet der Tatsache, dass der Platz nun einmal endlich ist und immer kürzeres Parken zu immer weniger Einkaufszeit und immer mehr (im Sinne des Einzelhandels ebenso wie im Sinne der allgemeinen Aufenthaltsqualität) sinnbefreitem An- und Abreiseverkehr führt?

Ich für meinen Teil bin ein sehr schlechter Innenstadt-Kunde. Zum einen bin ich einer der „den Klick nicht in der Stadt lässt“ und lieber bei Amazon und Co. konsumiert, weil ich die Dinge, die ich vornehmlich konsumiere, dort besser bekomme. Zum anderen ist mir zwar das „Genuss-Shopping“ durchaus nicht fremd. Spätestens seit ich einen Radanhänger mein Eigen nenne, mache ich gerne einen ausladenden Wochenendeinkauf, für den ich gerne nicht einfach nur zum nächstgelegenen Supermarkt fahre. Aber in die Innenstadt? Nein. Dagegen spricht das holprige Pflaster, die unterirdischen Zustände der Fahrbahn etwa am Milchberg oder der Bäckergasse, das Vorhandensein von Autoverkehr in den engen Altstadtgassen, die nicht vorhandenen Abstellmöglichkeiten in weiten Teilen der Innen- und Altstadt, der überbordende Autoverkehr im direkten Umfeld der zentralsten Stadtpunkte. Die meisten dieser Punkte könnte man beheben – und wird man im Rahmen der Fahrradstadt 2020 hoffentlich auch beheben – ohne „den Autofahrer“ auch nur im Mindesten zu tangieren. Bei manchen Punkten, eben was die Verkehrsbelastung angeht, wird man den Autoverkehr aber tatsächlich beschneiden müssen. Ist das die befürchtete Benachteiligung? Kann man überhaupt etwas benachteiligen, das im Status Quo überproportional bevorteilt ist? Selbst wenn im Modalsplit das Auto den größten Anteil hat, so nimmt der Autoverkehr weit mehr Fläche ein, als ihm danach „zusteht“. Zugleich sitzt im Schnitt in jedem Auto kaum mehr als eine Person – wie auf jedem Fahrrad auch. Und von Bussen und Straßenbahnen will ich gar nicht reden. Und was ist jetzt für den Wirtschaftsvertreter so schlimm daran, wenn der eine mit dem Auto durch einen mit dem Fahrrad ersetzt wird? Oder durch 10 aus der Straßenbahn? Sollte ein Wirtschaftsvertreter, der für „den Innenstadthändler“ spricht, nicht in erster Linie daran interessiert sein, den Anreiz zu setzen, überhaupt in die Innenstadt zu kommen und sich erst nachrangig dafür interessieren, mit welchem Verkehrsmittel dies geschieht? Ist nicht der Umbau des Königsplatzes ein gelungenes Beispiel dafür, dass eine vermeintliche Benachteiligung des Autoverkehrs durch die gewonnenen Vorteile für Fußgänger und die damit verbundene erhöhte Aufenthaltsqualität mehr als wett gemacht wird (so die Benachteiligung überhaupt eine ist)? Nicht von ungefähr setzt die neue Innenstadtkampagne doch u.a. auf das Flair des neuen Kö.

Diese alberne Trennung in Autofahrer, die Kunden sind, und Radfahrer (und alle anderen), die dies anscheinend nicht sind, muss ein Ende haben. Weil es völliger Quatsch ist. Weil man das Wohl und Wehe einer Innenstadt nicht davon abhängig machen darf, mit welchem Verkehrsmittel Menschen derzeit in die Innenstadt gelangen. Sondern davon, warum und ob sie dorthin gehen. Und eine gewagte Vermutung: niemand fährt in die Stadt, um dort zu parken.