Wofür wollen wir öffentlichen Raum nutzen?

Ob früher alles besser war? Unwahrscheinlich, ich weiß es aber auch nicht. Aufgewachsen bin in in einem kleinerem Ort im Dunstkreis Augsburgs, in einer Spielstraße. Zugeparkte Straßen sind nichts, was Teil meiner (Kindheits-)Erinnerungen wäre. Viel mehr ungehinderte Ballspiele, aufgespannte Federballnetze (ja, quer über die Straße), kurzum: viel Platz. Mit der Erinnerung ist das natürlich so eine Sache, und in der Stadt mag es schon immer anders gewesen sein.

Fast forward ins Hier und Jetzt, in ein gewachsenes Wohngebiet in Haunstetten. Tempo 30 Zone. Jede verfügbare Baulücke wird hier derzeit gefüllt, mit einer absurden Anzahl an Wohneinheiten. Zu ebenso absurden Preisen. Gespart wird offensichtlich an Garagen. In direkter Nachbarschaft wurden auf ein Gelände, auf dem vorher nur ein Haus stand, fünf Reihenhäuser gepackt. Etwas daneben weitere sieben Einheiten. Ein paar Straßen weiter zwei Sechs(!)familienhäuser (mit ganz bestimmt weniger als 12 Garagen). Spätestens seit der Fertigstellung dieser Häuser sind freie Plätze entlang der Straße praktisch nicht mehr existent, was insbesondere abends, an Wochenenden oder um Feiertage herum spürbar wird.

Die direkten Auswirkungen davon sind, dass die ohnehin engen Straßen de facto zu Einbahnstraßen werden. Die aber leider nach wie vor in beide Richtungen befahren werden. Raum zum Ausweichen gibt es keinen mehr, es gilt eine reines „wer zuerst kommt, malt (fährt) zuerst“. Kreuzungsbereiche werden noch weniger als zuvor freigehalten, die Parkkolonne setzt sich in noch kleinere Nebenstraßen fort. Die Übersichtlichkeit bleibt zwischen Autokarossen und Thuja-Hecken auf der Strecke.

Was nun aus Sicht eines geübten Radfahrers nach einer gewissen „Lästigkeit“ klingt, erscheint in einem ganz anderen Licht, wenn man mit einem kleinen Kind unterwegs ist. Das ruhige Wohngebiet, in dem man Radfahren üben kann? In dem man es eher früher als später allein zum Bäcker, zur Schule, zur/m Freund/in fahren lassen kann? Ich durfte seinerzeit noch „bis zur großen Straße“ fahren. Die liegt heute, könnte man meinen, direkt hinterm Hoftor.

Doch selbst in Begleitung ist das Radfahren nicht einfach. Immer mehr, immer geschlossenere Parkreihen am Straßenrand bedeuten null Sicht auf das Kind auf dem Gehsteig. Ob es nun eine schlechte Idee ist, ob für Kinder überhaupt eine Gehsteigbenutzungspflicht gilt oder andersherum für Eltern das Verbot, ihre Kinder auf selbigem zu begleiten, sei nicht das Thema – es ist, wie es ist. Doch der Parkdruck macht ja auch vor Bürgersteigen nicht Halt. Kaum ergibt sich die Möglichkeit, z. B. weil der Bürgersteig etwas breiter wird, parken auch hier Autos. Und wo eines steht, reihen sich in kurzer Zeit mehrere dahinter. Und wo öfters Autos stehen, stehen nach kurzer Zeit immer welche – der Parkplatz ist etabliert. Nun gibt es aber nicht nur Autos als Hindernis, sondern wöchentlich auch noch Mülltonnen. Passanten soll es auch noch geben. Dass an jeder zweiten Kreuzung der Randstein nicht abgeflacht ist, sei gänzlich unbeachtet. Was tun? Wieder runter mit dem Kind auf die Straße? Die Straße, die so zugeparkt ist, dass jeder Gegenverkehr in ein kaum auflösbares Dilemma führt? Wo Verkehrsteilnehmer zunehmend vergessen zu haben scheinen, dass bei einem Hindernis auf ihrer Seite sie nicht Vorfahrt haben, nur weil sie das stärkere Gefährt unterm Arsch haben?

Vielleicht gibt es heute mehr Autos als früher. Vielleicht haben die Häuser zu wenige Garagen. Vielleicht sind auch einige ältere Garagen schlicht zu klein für heutige Autos. Vielleicht werden die Garagen bei den lächerlichen Grundrissen moderner Bauten auch vorrangig als Stauraum genutzt. Vielleicht ist es ein bisschen was von alledem. Aber für das Abstellen des Autos gibt es ja die Straße. Schließlich hat man ein Recht darauf, im Wohngebiet zu parken, richtig?

Freilich ist das nicht richtig, war nie richtig, wird auch nie richtig sein. Und wir müssen uns endlich die Frage stellen, ob wir unseren öffentlichen Raum für etwas so Unnützes wie ein parkendes Gefährt verschwenden wollen. Individuelle Mobilität ist eine große Errungenschaft, aber der Preis dafür wird zunehmend unbezahlbar. Das Auto, mit welchem wir uns vorrangig diese Mobilität ermöglichen, steht zu einem aberwitzigen Anteil nutzlos herum. Je mehr Menschen ein Auto besitzen, desto mehr Autos stehen herum. Auf demselben Raum. Man muss kein Mathegenie sein, um hier einen gewissen Konflikt zu erkennen.

Weder ist es normal, dass wir unsere Innenstädte nach Autos ausrichten, noch ist es normal, dass in Wohngebieten eben alles vollgeparkt ist. Wir richten unser Leben, unseren Alltag auf die Verfügbarkeit individueller Mobilität aus, bewerten deshalb alle Nebeneffekte als unumgänglich und stufen sie wichtiger ein als alles andere. Wir opfern immer mehr öffentlichen Raum und viele sind auch noch davon überzeugt, dass dies eine Unabdingbarkeit, gar ein willkommener Umstand sei. Dabei ist jede/r Einzelne von uns auch ein Anwohner, ein Fußgänger, die meisten auch Radfahrer, viele haben selbst Kinder. Wie kann man diese Bedürfnisse so nachhaltig ausklammern? Was nützt es, dass für fehlende Abstellplätze Ausgleichszahlungen in irgendeinen Topf gezahlt werden können, wenn vor der eigenen Haustür keine Straße übrig bleibt? Was nützt es, bei der Miete einer Wohnung die separate Tiefgaragenmiete einzusparen, wenn alle anderen diese schlaue Idee auch schon hatten? Was nützt es, dass praktisch alle Wohngebiete Tempo-30-Zonen sind, wenn dieses Tempo, selbst wenn es respektiert würde (Hint: wird es nicht), viel zu hoch ist? Ist der Preis des Autobesitzes also, dass der öffentliche Raum in Wohngebieten zu einem vollgestellten Parkplatz wird, in dessen Unübersichtlichkeit wir unseren Kindern Helme und Westen überstülpen, sie aber doch lieber gar nicht zu Fuß oder auf dem Rad hinaus lassen, sondern sie mit dem Auto ans Ziel bringen, wo wir dann auch noch mehr Parkplätze benötigen – und fordern?

Leider kann ich keine Lösung anbieten. Zumindest keine, die einfach umzusetzen wäre. Nur einen Anfang: Infragezustellen, wie weit es dem Auto möglich sein kann und darf, weite Teile unseres Alltags zu bestimmen.