Wenn Privilegierte gegenseitige Rücksichtnahme fordern

Vorfahrt, die: Verkehrstechnisches Konzept, auf welches Radfahrende besser zu verzichten haben, weil es viel zu gefährlich für sie ist.

Ein paar Zitate aus diesem Artikel, der den – sicher nicht von ungefähr kommenden – Frust zweier Busfahrer beschreibt.

Mehrfach hat es hier Unfälle gegeben.“ Zweimal schon seien Menschen in den vergangenen 15 Jahren zu Tode gekommen, im Dezember letzten Jahres hat sich eine Radfahrerin bei einem Sturz ein Handgelenk gebrochen. Oftmals involviert waren Busse.

Lies: Die beschriebene Stelle scheint ein Unfallschwerpunkt zu sein. Seit 15 (!) Jahren.

Viele Radfahrer pochen auf die Vorfahrt, die ihnen der Radweg einräumt“, sagt er. „Und wenn dort dann ein Bus steht […] ziehen die Radfahrer noch vor ihm vorbei, anstatt zehn Sekunden zu warten.

In other news: Viele Verkehrsteilnehmer fahren bei Grün los, statt stehen zu bleiben. Ohne Frage gibt es Situationen, in denen man auf das „Pochen“ auf Vorfahrt verzichten sollte, aber ein im Weg stehender Bus gehört in seiner Pauschalität da erst einmal eher nicht dazu.

Deshalb appellieren die beiden an alle Radfahrer, lieber einmal zehn Sekunden Wartezeit in Kauf zu nehmen, anstatt noch schnell einen Schlenker vor den Bus zu machen und somit einen Unfall zu provozieren

StVO, §§8-10, alle mehr oder minder zutreffend: irgendwas mit „wer abbiegt/anfährt, hat sich so zu verhalten, dass niemand gefährdet wird“. Und: „Es darf nur weitergefahren werden, wenn übersehen werden kann, dass wer die Vorfahrt hat, weder gefährdet noch wesentlich behindert wird“.

[…] hat schon im Dezember einen Brief an das Ordnungsamt geschrieben, seinen Angaben zufolge jedoch keine Antwort erhalten.Deshalb hat er sich im September erneut an die Verwaltung gewendet und Alternativen zur Abhilfe vorgeschlagen: Die bestehen zum einen aus einer Beschilderung des Radweges mit einem Hinweis auf die Gefahrensituation, zum anderen aus Geländern auf Fuß- und Radwegen vor der Einmündung des Zobs in die Reeperbahn, damit die Radfahrer ihre Geschwindigkeit drosseln müssen

Nachdem also jene, die Vorfahrt haben, diese auch wahrnehmen möchten, müssen Lösungen her. Erste Idee: Ordnungsamt. Das sollte wohl Strafzettel für verweigerte Rücksichtnahme ausstellen. Zweite Idee: Schilder, auf denen steht, dass es hier vorfahrtmissachtende Busse gibt. Dritte Idee: Drängelgitter, damit außer Bussen quer über Radfahrstreifen auch noch Gitter im Weg stehen. Und erst die vierte Lösung sieht vor, doch einmal an die Politik zu appellieren, die vermaledeite Stelle baulich zu entschärfen.

Jetzt bitte nicht falsch verstehen: „gegenseitige Rücksichtnahme“ ist ein großartiges Konzept und steht nicht umsonst in §1 der StVO. Aber der verlinkte Artikel ist ein Paradebeispiel für eine irrige Auffassung, wie diese gelebt werden sollte. RadfahrerInnen, die auf ihre Vorfahrt „pochen“ – das klingt, als würden sie sehenden Auges dem Bus in die Seite fahren oder sich gleich trotzig unter ihn legen. Es unterstellt, als habe der Radverkehr die moralische Pflicht, den Bussen zuliebe präventiv auf ihre Vorfahrt zu verzichten, da sie sonst für Unfälle selbst verantwortlich seien. Präventiv, da Radfahrer ja offensichtlich nicht einmal um (im Weg) stehende Busse herumfahren sollen – damit diese beim Losfahren ja nicht noch einmal nach vorfahrtberechtigten Radfahrern Ausschau halten müssen – sondern gleich am Straßenrand stehen bleiben, um dem Treiben der Busse zuzusehen.

Die Stelle scheint nervig zu sein, und Busfahrer haben es im Verkehr sicher nicht immer leicht. Sollten Radfahrer sich da nicht einfühlen können? Ja, können sie, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Radfahrer kämpfen in der Regel darum, dass ihnen die Rechte, die ihnen eingeräumt werden, auch tatsächlich gewährt werden. Hier fordern Busfahrer, dass Ihnen Rechte gewährt werden, die ihnen gar nicht eingeräumt wurden. Und nennt das dann „gegenseitige Rücksichtnahme“. Da das nicht klappt, solle man den Radfahrern doch weitere Stecken in die Speichen werfen, in Form von Schildern und Gittern.

Der motorisierte Verkehr als unterprivilegierte Spezies? Das ist, mit Verlaub, eine horrende Verdrehung der herrschenden Tatsachen. Dass die beschriebene Stelle für Busse im Besonderen suboptimal ist sei zugestanden. Auch, dass den Busfahrern sicher eine Menge saublöder RadfahrerInnen begegnen – weil es die genauso gibt wie saublöde Bus- oder AutofahrerInnen. Aber dass der motorisierte Verkehr systemisch überprivilegiert und der überproportional größere Gefahrenverursacher ist, steht dessen ungeachtet unbestreitbar fest. Der Privilegierte ist sich seiner Privilegien in der Regel nicht bewusst. Kommt er jedoch in eine Situation, in der er sich im Nachteil sieht, fordert er die Einschränkung der vermeintlichen Privilegien des Anderen. Ein nachvollziehbarer, aber dennoch grundfalscher Reflex, der hier geradezu lehrbuchartig ausgebreitet ist.