Non-Konformität als System?

Dieses wunderbare Video von Lucas Brailsford macht gerade die Runde. Es stellt das vermeintliche Paradoxon in den Mittelpunkt, dass in Amsterdam einerseits das Radfahren einen so hohen Stellenwert hat, andererseits das Verhalten der Radfahrer so eklatant regelwidrig ist, dass man hierzulande nur verwundert den Kopf schütteln kann. Radfahren auf dem Gehsteig, mit dem Mobiltelefon in der Hand, ohne Licht, in falscher Richtung und vielleicht auch noch über Rot – all dies kommt vor und ist, wenngleich nicht die Regel, so doch weit verbreitet.

In Berlin wurden bei bezirksübergreifenden Verkehrskontrollen vom 26. bis 28. Oktober 1.569 Verstöße gegen die verbotswidrige Handynutzung im Straßenverkehr festgestellt, darunter waren 101 Radfahrer.

setzt die rad-spannerei vergleichend dagegen. Das sind nur grob 6%, also deutlich unterrepräsentiert gemessen am entsprechenden Verkehrsanteil. Dennoch ist die Rad-Kultur im regelhörigen Deutschland unbestritten schwächer ausgeprägt als in den Niederlanden. Dort ist, so versucht es das Video darzulegen, das „non-konformistische Verhalten“ der Radfahrer essentieller Baustein des funktionierenden Systems. Nicht dass dort erlaubt wäre, was hierzulande verboten ist und nicht dass es in den Niederlanden nicht auch kontrovers diskutiert würde. Jedoch werden Regelverstöße auf dem Rad nicht/kaum geahndet und selbst bei Unfällen mit PKW scheint (mehr als hierzulande) regelwidriges Verhalten der Radfahrer geringer zu wiegen.

Es führt zur provokanten Theorie/Frage, ob das System vielleicht perfekt funktioniere, wenn sich Radfahrer so sicher im Verkehr fühlen, dass sie auch über rote Ampeln oder in falscher Richtung fahren können.

Lucas Brailsford beantwortet diese Frage bewusst nicht und ich gebe zu, dass ich mit dem „non-coformist behaviour“ so meine Probleme habe. Es ist definitiv so, dass unser Regelwerk von der Charakteristik des motorisierten Verkehrs geprägt ist. Nicht, dass es diesem immer Vorrang gewährt. Die StVO ist im Grunde eine große Ansammlung an Regeln, welche versuchen, das Gefährderpotenzial des PKW zu bändigen. Nichtsdestotrotz sehen unsere Verkehrswege und -regeln so aus, wie sie aussehen, weil es das Auto gibt. Ampeln sind, als beliebtes Beispiel, eigentlich nur für den motorisierten Verkehr mit seiner hohen Geschwindigkeit und relativ hohen Trägheit notwendig. Dass Fußgänger und Radfahrer an roten Ampeln stehen, sind de facto Kollateralschäden.

Dennoch mutet der Gedanke, dass jeder Verkehrsteilnehmertypus nach seinen eigenen maßgeschneiderten Regeln handelt, absurd an. Wir neigen dazu, den jeweils anderen Verkehrsteilnehmer nicht zu verstehen, wie am Beispiel Fußgänger-Radfahrer Radfahren in Stuttgart kürzlich schön beschrieb. Wenn dann auch noch für jeden andere Regeln gälten? Dass man bei Grün über eine Kreuzung fahren kann, ohne auf querenden Verkehr zu achten, geht eben essentiell davon aus, dass sich dieser querende Verkehr an das Rotlicht hält.

Allerdings ist es in Amsterdam mitnichten regelkonform, über eine rote Ampel zu fahren. Es wird nur nicht geahndet. Wie im Video erwähnt, zeigte eine Untersuchung an verschiedenen Verkehrsknoten zu Spitzenzeiten, dass praktisch keine der Regelüberschreitungen andere Verkehrsteilnehmer beeinflussten. Der über Rot fahrende Radfahrer mag eine Regel brechen. Aber in enorm vielen Fällen beeinträchtigt das zum einen keinen anderen Verkehrsteilnehmer, zum anderen ist es im Sinne eines fließenden Verkehrs möglicherweise sogar sinnvoll, die Regeln zu überschreiten. Dass es für RadfahrerInnen häufiger als andere Verkehrsteilnehmer nötig ist, sich über Regeln hinwegzusetzen, liegt auch daran, dass die Infrastruktur nicht ausreichend auf ihre Bedürfnisse ausgelegt ist – auch in den Niederlanden offenbar nicht. Dennoch funktioniert (wenn auch nicht diskussionsfrei) das Gesamtsystem dort. Akzeptierter Regelbruch als Systembestandteil.

Kürzlich fuhr ich in der Innenstadt hinter einem Radfahrer her, der es auf dem Weg zum Hauptbahnhof fertig brachte, sich an keine einzige Ampel zu halten. In der Dämmerung. Ohne Licht. Dass er dabei nicht schneller war als ich sagt auch einiges aus. Aber auch, dass ich ihm am liebsten eine Standpauke gehalten hätte. Weil ich in Radfahrern wie diesen den Grund für das schlechte Image von RadfahrerInnen generell sehe. Jeder, der sich über die Regeln hinwegsetzt bleibt Autofahrern und Fußgängern länger in Erinnerung als wahrscheinlich 100 andere, die sich daran halten. Letztlich steht dahinter nur die Auffassung, dass alles reibungslos funktionierte, hielten sich nur alle an die Regeln. Doch weder ist irgendein Regelwerk so gestaltet, dass damit das Chaos des Alltags konfliktfrei abgebildet werden könnte, noch ist Regeltreue mit Respekt gleichzusetzen. Oder Verkehrsintelligenz.

Der Blick in die Niederlande zeigt kein Patentrezept. Aber, dass es auch kein Schwarz-Weiß geben kann. „Unsere“ Sicht der Regeltreue und Ahndung aller Vergehen ist offensichtlich nicht der Stein der Weisen. Und dass unser Regelwerk und unsere Regeltreue beileibe keine Sache von eindeutigem Richtig und Falsch ist, kann jeder erkennen, der mit kleinem Kind im Verkehr unterwegs ist und versucht, diesem zu erklären, was wie wo wann zu tun ist. Kinder mit ihrem in frühen Jahren striktem Schwarz-Weiß-Denken erweisen sich als ultimativer Prüfstand (und Stolperstein) unseres angeblich durch Regeln klar vorgegebenen Verhaltens im Verkehrssystems.

In deutschen Städten reagiert man auf das gesteigerte Radverkehrsaufkommen oft noch mit Polizei-Fahrradstaffeln und Verkehrskontrollen, die auch und besonders das Fehlverhalten von RadfahrerInnen ahnden. Wir blicken also gerne auf die Infrastruktur des Nachbarn. Aber übersehen das Drumherum. Würde Amsterdam mit unserer Auffassung der Regeleinhaltung funktionieren? Unwahrscheinlich. Ob eine Kopie des holländischen Konzepts hierzulande funktionierte? Auch fraglich. Aber der Blick der Städte muss über die Infrastruktur hinaus gehen. Der Umgang mit Fehlverhalten von Radfahrern ist zumindest etwas, was in deren unmittelbarem Einflussbereich liegt.