Ampeln.

In einen Raum voller Alltags-RadfahrerInnen muss man eigentlich nur dieses eine Wort werfen und schon wird aufgestöhnt. Ampeln. Zum einen stöhnen wir aus denselben Gründen wie Autofahrer auch: Ampeln sind bekanntlich immer rot. Wer als RadfahrerIn jedoch beginnt, Ampeln auch jenseits des eigenen Weiterkommens bezüglich den geltenden Regeln zu beurteilen, der kommt aus dem Stöhnen gar nicht mehr heraus. Wir RadfahrerInnen stehen nicht nur häufiger und länger an Ampeln, wir stehen an sehr verschiedenen Ampeln: Allgemeinampeln, großen Radampeln (die mal auf der einen, mal der anderen Seite der Kreuzung stehen), kleinen Radampeln, kombinierten Rad-/Fußgängerampeln, sogar an Fußgängerampeln – und diversen unheiligen Kombinationen davon. Wer mit dem Auto unterwegs ist, muss in der Regel nicht nach der geltenden Ampel Ausschau halten. Auch auf mehrspurigen Straßen hängt die Ampel gut im Sichtfeld. Dieser banal erscheinende Umstand gilt für Radfahrende keineswegs. Weder ist die Art der Ampel eindeutig, noch deren Anbringungsort – der zudem nicht zwingend in direkter Sichtlinie liegt. All das erschwert das schnelle, intuitive Wahrnehmen der tatsächlich geltenden Lichtzeichen – und das betrifft AutofahrerInnen in gleichem Maße. Diese müssen schließlich beim Abbiegen genauso abschätzen, ob sie Vorrang gewähren müssen.

Aber was kann denn an Ampeln nun so großartig schwierig sein? Die StVO hat dazu in §37 Absatz 6 gerade einmal drei Sätze übrig, wie kompliziert kann das sein?

Wer ein Rad fährt, hat die Lichtzeichen für den Fahrverkehr zu beachten.

Meint: die großen Ampel (ich nenne sie mal „Allgemeinampel“). Man beachte, dass die einzige verknüpfte Bedingung lautet, dass man das Rad fährt. Es wird nicht erwähnt, wo man fährt, z.B. Fahrbahn oder Radweg. Solange also nicht irgendeine der folgenden Ausnahmen greift, gilt stets dieser erste Satz: Für RadfahrerInnen gilt die Allgemeinampel.

Davon abweichend sind auf Radverkehrsführungen die besonderen Lichtzeichen für den Radverkehr zu beachten.

Meint: Ist neben der Allgemeinampel noch eine mit einem Fahrradsymbol zu sehen, gilt diese – aber Moment, es ist eine weitere Bedingung enthalten: auf Radverkehrsführungen. Unter einer Radverkehrsführung darf man (ohne Gewähr; siehe Diskussion hier) eine Radwegefurt oder einen Aufstellstreifen verstehen, also Markierungen, die den Radverkehr über Kreuzungen leiten. Das heißt aber auch (wiederum: ohne Gewähr, aber dem Wortlaut nach nahe liegend): Wer nicht auf einer solchen Führung unterwegs ist (sondern auf der Fahrbahn), muss auch nicht die speziellen Lichtzeichen beachten. Doch kann das überhaupt vorkommen? Oooooh ja. Hier zum Beispiel:

An beiden Stellen ist sowohl das Fahren auf der Fahrbahn als auch dem Rad-/Gehweg gestattet, an beiden Stellen zeigt die Allgemeinampel wesentlich länger grün als die Kombiampel für Fußgänger und Radfahrer. Meinem Verständnis nach müssten RadfahrerInnen auf dem Geh-Radweg an der roten Kombiampel halten, denn es ist ja ein „besonderes Lichtzeichen für den Radverkehr“ vorhanden (auch wenn an der Friedrich-Ebert-Str genau genommen keine Furt mehr zu erkennen ist, schon gar keine Radwegefurt). Fahrbahnradler hingegen halten sich an das grüne Allgemeinsignal, da sie sich ja nicht auf der Radverkehrsführung befinden. Tatsächlich würde man wohl auch einiges an Unverständnis ernten (wohlwollend ausgedrückt), würde man bei grün auf der Fahrbahn halten, weil für Verkehr abseits der Fahrbahn schon rot ist. Allerdings beginnt in beiden Fällen jenseits der Ampel ein benutzungspflichtiger Radweg. Wenn ein/e Radfahrer/in also im Kreuzungsbereich von der Fahrbahn auf die Radwegefurt wechselt, wäre das dann ein Rotlichtverstoß?

Höre ich schon ein leises Stöhnen? Aber wir haben ja noch einen Satz in der StVO:

An Lichtzeichenanlagen mit Radverkehrsführungen ohne besondere Lichtzeichen für Rad Fahrende müssen Rad Fahrende bis zum 31. Dezember 2016 weiterhin die Lichtzeichen für zu Fuß Gehende beachten, soweit eine Radfahrerfurt an eine Fußgängerfurt grenzt.

Dieser letzte Satz ist der grauenhafteste, auch wenn wir uns mit dieser letzten Bedingung (theoretisch) nur noch bis Jahresende herumschlagen müssen – nach geschlagenen sieben Jahren Übergangszeit. Offensichtlich handelt es sich um eine Einschränkung Satz 2 betreffend. Satz zwei sagte, wenn man eine Radverkehrsführung befährt und dort eine Radampel steht, dann muss man diese beachten. Satz 3 nimmt nun zur Kenntnis, dass es Kreuzungen gibt, an denen zwar eine Radwegefurt eingezeichnet ist, aber die Ampel dazu kein Radsymbol zeigt. Wenn diese Radwegefurt „an eine Fußgängerfurt grenzt“, dann – und nur dann – ist zumindest bis Jahresende noch das Lichtzeichen für Fußgänger zu beachten. Gemeint ist so etwas hier:

Eine Radwegefurt (links, mit dicken gestrichelten Linien) grenzt direkt an eine Fußgängerfurt (rechts, dünn gestrichtele Linie). Hier greift die Übergangsregel.

Eine Radwegefurt (links, mit dicken gestrichelten Linien) grenzt direkt an eine Fußgängerfurt (rechts, dünn gestrichtele Linie). Hier greift die Übergangsregel.

Dass die Behörden Augsburgs über die Fußgängerampel noch ein Zusatzschild „auch Fahrrad“ angebracht haben, spricht bereits Bände. Entweder glaubt man nicht, dass die Regel bekannt ist, oder dass sich ohne nachdrückliche Erinnerung keiner daran hält (der Glaube, das Schild ändere etwas daran, ist allerdings auch putzig). Man darf sich auch fragen, weshalb sie nicht gleich einfach eine Streuscheibe eingesetzt haben, die auch ein Fahrrad zeigt, wenn sie denn anscheinend wollen, dass RadfahrerInnen sich an diese Ampel statt die Allgemeinampel halten sollen. Doch warum wollen sie das überhaupt:

Bei den vorangegangenen beiden Beispielen kann man sich gut darauf einigen, dass das jeweils „passende“ Verhalten nahe lag (und sich wahrscheinlich sogar mit der StVO deckt). Doch hier? Auch ohne Zusatzschild greift die Übergangsregel (und ab 2017 dürfte das Zusatzschild nichts daran ändern, dass die Übergangsregel nicht mehr gilt). Radwegefurt (dicke gestrichelte Linien) und Fußgängerfurt (dünne gestrichelte Linie) grenzen aneinander (Zwei-Furten-drei-Linien) und es ist kein gesondertes Signal für RadfahrerInnen vorhanden. Demnach gilt die Fußgängerampel – nur habe ich noch keinen gesehen, der sich daran gehalten hätte. Jedoch auch keinen Autofahrer, der davon ausgegangen wäre. Das dürfte daran liegen, dass die Allgemeinampel direkt in der Sichtlinie der Radfahrer liegt, während die Fußgängerampel – abgesehen davon, dass es eben keine Radampel ist – deutlich versetzt davon steht und erst spät einsehbar wird. Die gesamte bauliche Situation legt – meiner Meinung nach – nahe, dass hier die Allgemeinampel gelten soll. Nachdem das offensichtlich auch funktioniert, könnte man sagen: so what? Aber kann man sich damit zufrieden geben, dass eine Regelung zu Ampeln (!) einfach von Fall zu Fall ausgelegt wird, weil das schon irgendwie klar sein wird? Wie zugänglich für diese Argumentation sich wohl Versicherungen zeigen, wenn es doch einmal um eine Schadensregulierungsfrage geht?

Tatsächlich ist der Ansatz aber nicht verkehrt, ja sogar der einzig richtige: Welches Verhalten legt die (bauliche) Situation nahe? Dieses und das rechtlich korrekte Verhalten sollten im Idealfall deckungsgleich sein. Kann das so schwer sein? Aber sicher doch.

Zwei Beispiele, in denen momentan noch die Übergangsregel greift – aber imho nicht greifen sollte. Obwohl man an der Kreuzung Friedberger/Meringer vom Hochbord kommt, legt die direkt an die PKW-Spur geführte Radwegefurt nahe, dass die Allgemeinampel gelten soll. In der Dieselstraße ist man sogar noch deutlicher bereits auf der Fahrbahn unterwegs – die Furtmarkierungen sind jedoch so ungeschickt, dass die Übergangsregel und damit die Fußgängerampel gilt. Zwar ist die Übergangsregel ab 2017 Geschichte, doch zuvor war sie seit der StVO-Novelle 2009 (erneuert nochmals 2013) in Kraft. Welches Verhalten hat sich in der Zwischenzeit etabliert? Hält sich die Mehrheit an das Fußgängersignal oder doch auch heute schon an die Allgemeinampel? Ist die Regel überhaupt bekannt? Wird sich das Verhalten ab 2017 ändern oder machen alle weiter wie bisher – was auch immer das sein mag?

Ein Beispiel aus der Dieselstraße, an dem bis Jahresende nachgebessert werden sollte. Da die Querstraßen etwas gegeneinander versetzt sind, ist der Weg von der Ampel bis zur tatsächlichen Querstraße (Hoferstr) sehr weit. Momentan greift hier noch die Übergangsregel, doch ab 2017 dürfte man die Querstraße bei Fußgängerrot als RadfahrerIn überqueren. Das jedoch mutet, im Gegensatz zu den vorherigen Beispielen, alles andere als sinnvoll an, da das Grünsignal und die Straßenquerung nicht in Verbindung zu stehen scheinen. Natürlich wird die Fußgängerampel wesentlich früher rot als die Allgemeinampel, für RadfahrerInnen wäre hier ein eigenes Signal absolut wünschenswert – sowohl was die Eindeutigkeit angeht als auch den Komfort, nicht unnötig ausgebremst zu werden.

Natürlich gibt es dann noch jene Kreuzungen, die zwischen alle (regeltechnischen) Stühle fallen. An der Kreuzung Sebastianstr/Riedingerstr/Heinrich-von-Buz-Str stadtauswärts haben etwa querende Fußgänger grün, gleichzeitig zeigt aber eine Rad-/Fußgängerampel geradeaus auch grün. Darf man hier als RadfahrerIn weiter fahren? Dann wären da die gerade an der Haunstetterstraße oft anzutreffenden Ampeln gänzlich ohne Radwegefurt und Radampel – gilt hier dem Wortlaut nach nicht die Allgemeinampel? Doch ist dieser Fall nicht anwendbar, da man die Allgemeinampel nicht einsehen kann (und wie im obigen Fall an der Hoferstraße ein Ignorieren des Rotlichts höchst überraschend für andere Verkehrsteilnehmer wäre). Und zu guter Letzt gibt es noch zahlreiche „Fahrrad frei“ Gehwege, wie abgebildet an der Universitätsstraße, an die zumeist reine Fußgängerampeln anschließen. Wie soll hier eine fahrradgerechte Signalisierung stattfinden (wahrscheinlich gar nicht, da die Nutzung von „Fahrrad frei geächtet gehört ;)? Natürlich lassen sich potenziell gefährliche Situationen durch unklare Ampeln oder stures Festhalten am Wortlaut der StVO stets dadurch umgehen, indem man im Zweifelsfall einfach nicht fährt. Doch damit verlässt man jedwede konstruktive Diskussionsebene. Ja, auch wir Radfahrer würden schon gerne vorwärts kommen und nicht von Zweifelsfall zu Zweifelsfall eiern. Und was ist denn überhaupt ein Zweifelsfall? Kann ein Fall, in dem einem die StVO Recht gibt, ein Zweifelsfall sein? Sollte es auf alle Fälle nicht. Über eine Ampel zu fahren sollte eine rechtlich absolut eindeutige Angelegenheit sein und nicht dem Ermessen Einzelner unterliegen. Ob man dann trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, auf sein Recht verzichtet, ist eine ganz andere Geschichte.

Bis 2017 werden die strittigen Kreuzungen nicht bereinigt sein. Auch nicht bis 2018 oder 2025. Aber wie sähe eine möglichst eindeutige Signalisierung überhaupt aus? Ich bin mir da uneins. Sollten eher nur noch Allgemein- und Fußgängerampeln existieren, wobei sich RadfahrerInnen (als LenkerInnen eines Fahrzeugs) stets an die Allgemeinampeln halten? Neuere Kreuzungsgestaltungen ziehen die Radspuren in der Regel in die Kreuzung hinein, direkt an die PKW-Spuren heran. Die Gültigkeit der Allgemeinampel liegt dadurch schon sehr nahe, weil diese eben in der direkten Blickrichtung liegen. Wenn ich jedoch das Verhalten von RadfahrerInnen an Kreuzungen mit Radwegen beobachte, so bleiben die wenigsten so stehen, dass sie die Allgemeinampel einsehen könnten, sondern rollen vor bis zur Fußgängerampel. Das scheint ein tief verankertes Verhalten zu sein: immer schön zu dieser kleinen Ampel rollen mit dem Fußgänger (und vielleicht auch Fahrrad) drauf – da sind wir doch schon immer gefahren.

Welches Schweinderl hättens denn gern? Sehen Kreuzungen mit Radampeln für alle denkbaren Wege so aus? Alles voller Radampeln?

Welches Schweinderl hättens denn gern? Sehen Kreuzungen mit Radampeln für alle denkbaren Wege so aus? Alles voller Radampeln?

Gleichzeitig werden an neueren Kreuzungen auch oft explizit Radampeln aufgestellt. Auch das hat Vorteile: dedizierte Schaltzeiten, klare Zuordnung. Jedoch ist für diese Radampeln offensichtlich noch kein Standard gefunden – weder was die Form noch den Aufstellort angeht. Das aber wäre nötig, auch aus Sicht der Autofahrer. Die „Babyampeln“, die sich durchzusetzen scheinen, sind eher schlecht einsehbar (für linksabbiegenden Gegenverkehr oder schon im Kreuzungsbereich wartende Rechtsabbieger überhaupt nicht) und fügen neben der Allgemein- und Fußgängerampel ein weiteres zu beachtendes Signal (an unterschiedlicher Position) hinzu. Ob das funktionieren kann?

Und wie sieht das alles erst aus, wenn, wie gewünscht, rund doppelt so viele RadfahrerInnen auf den Straßen unterwegs sind wie heute? Regelt die durch die größere Masse höhere Sichtbarkeit das Verhalten an Kreuzungen sowieso grundlegend neu?

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This article has 4 comments

  1. Ingo

    Du hast noch vergessen zu erwähnen, dass die Übergangsregelung zwischendrin mal ein paar Monate ausser Kraft war…

    • flo

      Ich fürchte, ich habe noch eine ganze Menge mehr vergessen 😉

  2. Pascal

    Die Spannendste Frage: Was ist mit einer/m Fahrbahn-Radler*in, wenn es eine Rad-Furt ohne eigene Rad-Ampel gibt? Gilt dann die Fahrbahnampel oder die Fußgehendenampel?

    • flo

      Befährt der/die RadfahrerIn die Furt? Grenzt sie an die Fußgängerfurt? Wenn nein, müsste imho die Fahrbahnampel gelten, da Satz 3 nicht greift. Satz 2 sowieso nicht (Radampel gibt es ja keine), ergo bleibt nur Satz 1: Fahrbahnampel.

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