150 Meter Alltag

Heute mal auf 150 Metern 0815-Alltag as can be. Es geht um eine Stelle/Strecke, die ich beinahe täglich fahre, und zwar abends auf dem Nachhauseweg (grob zwischen 18 und 19 Uhr – die Aufnahmen sind aus Zeitgründen vormittags gemacht). Alles Beschriebene habe ich zur Genüge erlebt. Mein Weg: Von der Wolframstraße (30-Zone) über die Kreuzung mit der Friedberger Straße in die Siebentischstraße und dann rechts ab in die Hofrat-Röhrer-Straße (ab und an auch geradeaus weiter).

In der Wolframstraße wird auf der Fahrbahn gefahren, am Ende der Wolframstraße beginnt aber ein Radweg, der die Siebentischstraße weiter begleitet, bevor in der Hofrat-Röhrer-Straße wieder die Fahrbahn benutzt wird. Diesen Radweg jedoch – und das macht also, wenn überhaupt, mich zum bad guy der Geschichte – ignoriere ich zumeist. Das Bild oben zeigt die Wegvarianten auf der Fahrbahn (grün) und dem Radweg (rot), wobei die roten Kreise Stellen bezeichnen, an denen es Konflikte geben kann – und zwar prinzipbedingt ausschließlich dort und eben nicht bei der Fahrbahnbenutzung.

Konflikt 1: wartende Radfahrer

An der ersten Markierung ist es möglich, dass einem FußgängerInnen und RadfahrerInnen im Weg stehen, die darauf warten, die Wolframstraße zu queren. Ja, als RadfahrerIn kann man da wartend nur im Weg stehen, wenn man als GeisterradlerIn unterwegs ist – und davon gibt es leider zuhauf, gerade hier an der Friedberger Straße (vermutlich, weil sie eine große Barriere ist und eine Überquerung daher gerne vermieden wird, wenn man nur ein relativ kurzes Stück daran entlang muss und Start und Ziel dabei auf derselben Seite liegen). Anders herum muss man auf Querung der Friedberger Straße wartend genug Platz lassen, um den Rad- und Fußverkehr entlang der Friedberger Straße passieren zu lassen (was auch nicht ein jeder schafft).

Konflikt 2: Rechtsabbieger

Der zweite Kreis beschreibt den klassischen Rechtsabbiegerkonflikt. Warte ich gemeinsam mit dem PKW an der roten Ampel (also ich an der Fuß-/Radampel, PKW an Allgemeinampel), so ist ein Konflikt praktisch ausgeschlossen, da der räumliche Abstand so viel Vorsprung gewährt, dass ich schon lange auf der Straße bin bevor der PKW um die Ecke biegt. Kommt man freilich bei grün an die Ampel und die PKW sind bereits in Bewegung, wird man meinen Erfahrungen nach unfassbar oft ignoriert/übersehen.

Konflikt 3: Fußgänger/Radfahrer

Am dritten Punkt stehen einem aufgrund der Wegführung eventuell wieder FußgängerInnen und RadfahrerInnen im Weg, welche die Siebentischstraße überqueren wollen und an der roten Ampel stehen. Direkt nach der Rechtskurve endet zudem die Markierung, welche Fuß- und Radweg trennt (obwohl das Schild einen getrennten Weg definiert). Das führt in schöner Regelmäßigkeit zu Fußverkehr in der Mitte des Weges.

Konflikt 4: Ausfahrt

Die vierte Markierung bezeichnet eine Ein- und Ausfahrt in einen Parkplatz (Spickelbad). Zwar ist die Sichtbeziehung theoretisch ausreichend (die Hecke ist niedrig genug), jedoch halten insbesondere ausfahrende PKW oft genug mitten im Weg bzw. rollen langsam in den Weg hinein, so dass ein Zweifel bleibt, ob man wirklich gesehen wurde.

Konflikt 5: Rechtsabbieger

Die fünfte Markierung ist erneut ein Rechtsabbiegerkonflikt. Zwar ist die Sicht unbehindert und eine Furt (wenngleich nicht farbig) markiert, dennoch kann man hier überraschend oft „übersehen“ werden. Meines Erachtens ermöglicht der Kurvenradius ein zu schnelles Abbiegen, was vielleicht manche/n PKW-Lenker/in dazu verleitet, „noch schnell“ vor dem/der Radler/in abzubiegen. Will man an dieser Stelle nichts selbst rechts abbiegen, sondern geradeaus über die Furt fahren, stehen einem dort ab und an einbiegende, wartende PKW im Weg, die sich schon zu weit in die Kreuzung hineingewagt haben – abends ist der Verkehr dort zeitweise sehr dicht und manch einer sieht von drei Metern weiter vorne wohl die bessere Möglichkeit, eine kleine Lücke zu nutzen. Einsehen könnte man den Verkehr jedenfalls auch problemlos von jenseits der Furt.

So what?

All diese potenziellen Konflikte treten nicht auf, wenn ich stattdessen die Fahrbahn nutze. Sie können gar nicht auftreten:

  • In der Wolframstraße stehe ich an der Allgemeinampel, GeisterradlerInnen und andere können mir hier nichts. Ich selbst kann auch niemandem im Weg stehen, da sogar zwei Autos nebeneinander passen.
  • Rechtsabbiegerkonflikte kann es ebenso prinzpbedingt nicht geben, da ich ja nur entweder vor oder hinter einem rechtsabbiegenden PKW fahre.
  • Mit den möglicherweise auf der anderen Straßenseite wartenden Fußgängern und Radfahrern komme ich erst gar nicht in Kontakt
  • Von den ausfahrenden PKW aus dem Parkplatz trennt mich nun ein kompletter Rad- und Fußweg und die Aufmerksamkeit auf den Fahrbahnverkehr ist ungleich höher.
  • Rechtsabbiegerkonflikte in die Hofrat-Röhrer-Straße sind ebenso unwahrscheinlich, wenn ein PKW nicht gerade überholt und direkt vor mir abbiegt.
  • Bonus: Will ich nach Überqueren der Friedberger Straße nach links in die Gentnerstraße, so ist das ausschließlich von der Fahrbahn aus möglich, denn die Absenkung des Randsteins vom Radweg aus kommt hierfür etwas zu spät.

Nun darf man berechtigterweise einwenden, dass die besten subjektiven Motive nichts nützen, am Ende bleibt es eine Ordnungswidrigkeit, weil ich die Benutzungspflicht ignoriere. Und richtig, eine objektive Unzumutbarkeit/Unbefahrbarkeit liegt nicht vor. Auf dem kurzen Stück der Siebentischstraße (100 Meter geschätzt) ist ein Radfahrer bei dichtem Verkehr unter Einhaltung des regulären Sicherheitsabstandes nicht zu überholen und somit ärgerlich.

Dennoch biege ich mir aus einer Mischung aus Konfliktumgehung und Komfort die Regeln zu meinen Gunsten und fahre, wie ich fahre – mein Bedürfnis geht über Regeln (und vielleicht auch jenes anderer Verkehrsteilnehmer) in diesem Moment. Typisch, diese Radfahrer, halten sich ja doch nie an Regeln. Doch wie oft wird von uns Radfahrern, wenn wir einmal die Unsinnigkeit der Regeln offenbaren, erwartet, dass wir uns über eben jene Regeln hinwegsetzen? „Da ist doch genug Platz, also fahr halt um mich rum“ – sagt der Radwegparker und erwartet selbstredend, dass wir über den Fußweg fahren. Bei meinen Exkursen über rote Ampeln darf ich mir auch oft genug anhören, dass man ja „nicht alles regeln muss“ und „dass das doch alle irgendwie machen und schon irgendwie klappt“. Also klappt das auch, wenn ich mal 100 Meter lang keinen – aus meiner Sicht – idiotischen Radweg benutze, oder? Dem Kommentar aus dem Fenster eines hinter mir fahrenden PKW nach gestern abend offenbar nicht.

Langer Rede gar kein Sinn: Letztendlich will jeder von uns optimal vorankommen, im Sinne von: sicher und komfortabel. Und wenn es sich für PKW-FahrerInnen noch so sehr nach mimimi anhört: für uns RadfahrerInnen ist das so ungleich viel schwerer als für den motorisierten Verkehr. Auf wieviele Konflikte hätte ein KfZler auf den beschriebenen 150 Metern wohl getippt? Wohlwollend auf einen. Nicht auf fünf. Auf wieviele (sich potenziell falsch verhaltende) Radfahrer trifft ein Autofahrer während einer durchscnittlichen Fahrt? Zwei? Aber auf wieviele (sich ebenso potenziell falsch verhaltende) Autofahrer trifft ein Radfahrer? Auf wieviele Änderungen der Verkehrsführung? Auf wieviele Seitenwechsel? Auf wieviele unklare Beschilderungen? Wie oft müssen Radfahrer mehrere 90-Grad-Kurven fahren, obwohl sie geradeaus wollen? Wie oft müssen Radfahrer deshalb auf die Vorfahrt verzichten? An jeder Ausfahrt sind Radfahrer auf Radwegen näher am potenziell herausfahrenden Hindernis und werden aufgrund der ungünstigeren Winkel später gesehen. Alles mögliche steht und parkt auf Radwegen und -spuren, damit aber auch ja die Fahrbahn frei bleibt für den heiligen KfZ-Verkehr – der von alledem nichts ahnt.

Deswegen ignoriere ich manchmal Radwege. Weil ich den Eiertanz ab und an satt habe.