10 Wochen für eine Ampel – Unfall oder Symptom?

10 Wochen nach Fertigstellung der Straßen-/Gleisarbeiten an der Gögginger Brücke hat es Augsburg also fertig gebracht, eine Radampel für Linksabbieger in die Rosenaustraße zu installieren. Eine Bettelampel, nehme ich aufgrund des „Bitte drücken“-Schalters an der Ampel einmal an (wobei es kein Schalter ist, sondern eine zu berührende Fläche – funktionierte aber immerhin mit touch-kompatiblen Handschuhfingerspitzen). Überraschenderweise gleichzeitig (!) war es offenbar auch möglich, ein Linksabbiegerspürchen zu markieren, damit man dem Geradeausverkehr nicht wartend im Weg steht (mehr als einer sollte aber bitte nicht warten). Womit ich zum Kern der Kritik komme:

Warum kann es zehn Wochen dauern zwischen dem Markieren einer Radfurt und dem Installieren einer Radampel? Unglückliche Abstimmungsprobleme? Bestellung vergessen? Lieferengpass des Schaltgeräts? Kurzum: Blöd gelaufen, kann mal passieren? Nur: das passiert in Augsburg eben nicht „halt mal“ und auch nicht zum ersten Mal, sondern in hübscher Regelmäßigkeit.

  • Freigabe der Einbahnstraße, Eberlestraße: Hier hinkte die Beschilderung der Ampelschaltung wochenlang hinterher, bis zur endgültigen Beschilderung verging ein VIERTELJAHR (November 15 bis April 16).
  • Freigabe der Einbahnstraße Elisenstraße: Hier war die Markierung der Beschilderung derart weit voraus, dass eine Fahrradmarkierung in der Elisenstraße durch eine Baumaßnahme (Kabel/Rohr, who knows) wieder zerstört wurde und erneut aufgebracht werden musste. Als die Beschilderung erfolgte, vergaß man am Einbahnstraßenbeginn das Hinweisschild auf freigegebenen Radverkehr (dieses folgte immerhin gleich am nächsten Tag)
  • Linksabbieger Gögginger Richtung Schertlinstraße: Hier wurde in der Gögginger Straße eine Linksabbiegerspur in der Radfurt markiert. Allerdings war von dort aus die Ampel zum Queren der Gögginger Straße nicht einsehbar. Bis Wochen später (wie lange genau weiß ich nicht mehr) eine eigene Radampel installiert wurde, musste die Linksabbiegerspur mit einer temporären Markierung aufgehoben werden.
  • Jakoberstraße: Vor drei Wochen wurde ein (zu schmaler) Schutzstreifen markiert. Am Ende des Schutzstreifens ist ein Randstein in spitzem Winkel zu überfahren, abgefräst wurde dieser bislang nicht. Das angekündigte Verlegen der PKW-Parkreihe um 50 cm beschränkt sich zum einen auf eine Markierung – es wird also nicht der Randstein versetzt, für Radfahrer wird es daher nicht mehr Platz auf der Straße geben, höchstens der Abstand zur Parkreihe wird erhöht, so sich die Parkenden an die Markierung halten. Zum anderen ist die Verlegung auch nach drei Wochen noch nicht angegangen worden (auch wenn sie angeblich diese Woche stattfinden soll).

Und das sind nur die Fälle, die mir aus dem Bauch heraus einfallen. Dazu gesellen sich in der AG Verkehr des ADFC Augsburg angesprochene Missstände, die bis heute nicht behoben worden sind (z. B. der Randstein am Wertachweg, kürzlich hier angesprochen; oder die Ampelschaltung an der Kennedykreuzung, bei der die Radampel NACH der Busampel grün wird, wodurch einem wartenden Radler von hinten ein Bus auf die Pelle rückt – sehr angenehm).

Diese Fälle zeugen (imho) von einer Mischung an fehlender Priorität, mangelnder Abstimmung verschiedener Zuständigkeiten und generell einer fehlenden Organisation innerhalb der Stadt, die gewährleistet, dass Radmaßnahmen zeitnah und vollständig umgesetzt werden können. Selbst wenn man in einigen Fällen durchaus zurecht argumentieren kann, dass sich durch die Verzögerungen nur „Unannehmlicheiten“ in Form von Umwegen ergeben (etwa an der Gögginger Brücke), so ist es doch recht unvorstellbar, dass auch Maßnahmen, die den PKW-Verkehr betreffen, je derart gehandhabt würden. Wollen wir einmal das direkte Linksabbiegen an der Gögginger Brücke für ZEHN Wochen abschaffen und den Verkehr stattdessen über die Brücke leiten und in einem U-Turn zurück?

Klar, auch dann kann man noch immer argumentieren, dass der PKW-Verkehr so ungleich viel wichtiger ist und eine Priorisierung des selbigen (und folgerichtig eine Zurückstellung aller anderen Maßnahmen, da die Ressourcen nun einmal begrenzt sind) nur natürlich ist. Allerdings wird man mit einer solchen Einstellung auch nie etwas verändern können. Was dummerweise das Ziel der Fahrradstadt 2020 ist.

Und leider kann man auch nicht alles mit „ok, dann warten wir halt einfach ein bisschen länger auf alles, Hauptsache es wird irgendwann“ beiseite wischen. Die, entschuldigung, Lahmarschigkeit in der Jakoberstraße ist nichts weiter als eine fahrlässige Gefährdung des Radverkehrs. Der Schutzstreifen darf in dieser Form nicht eine Minute lang freigegeben werden (geschweige denn in einer Pressemitteilung als „sicher zu befahrendes Angebot“ beworben werden). Drei Wochen sind drei Wochen zu langsam. Wieviele RadfahrerInnen fahren in diesen drei Wochen auf diesem unfertigen Mist? Wieviele davon haben danach die Schnauze vom Radfahren wieder voll, wieviele werden sich diese Stelle merken und bei der nächsten Umfrage, ob sie lieber auf der Straße oder dem Gehweg fahren, wohl „auf dem Gehweg“ ankreuzen? Wie „erfreut“ werden diese RadfahrerInnen dann sein, wenn an der nächsten Straße ein Schutzstreifen markiert wird und ihnen erzählt wird, dass das der Weg in die Fahrradstadt ist? Man kann das Marketing natürlich auch gegen die Wand fahren, bevor man richtig mit dem Marketing angefangen hat.

Ganz ehrlich: Wie schwierig die Abstimmung einzelner Zuständigkeiten ist und wie kompliziert die Abwicklung einer solchen Maßnahme im Ganzen – das ist mir völlig egal. Das ist der Job von irgendwem, und ich verlange, dass dieser Job gemacht wird. Tunnel graben ist auch kompliziert, und ich bin mir sicher, die Straßenbahn wird nicht schon fahren während der Tunnel noch betoniert wird. Über die Ackermannbrücke fährt kein einziges Auto, bevor nicht alle Markierungen gesetzt sind, und ganz bestimmt steht die Brücke nicht fertig wochenlang herum, bis jemand mal Zeit hat, das auch zu tun. Aber zeitgleich eine Markierung zu setzen und einen Randstein abzufräsen, das ist freilich Raketenwissenschaft.