2. Augsburger Radlnacht

Mit Veranstaltungen ist das so eine Sache. Wie man sie empfindet, hängt wohl auch ein gutes Stück davon ab, was man sich davon erwartet. Man könnte auf eine Demo gehen und danach enttäuscht sein, dass keine direkten politischen Konsequenzen folgen. Das spräche dann aber eher für eine übertriebene Erwartungshaltung denn gegen eine gelungene Demonstration.

In diesem Sinne wäre es auch verfehlt, die Augsburger Radlnacht als politisches Statement oder (direkt) wirksamen Katalysator für eine Verkehrswende in den Köpfen der Menschen zu sehen. Die Radlnacht ist eine Feel-Good-Party mit Fahrrad-Motto. Nicht mehr, nicht weniger. Mehr als 6000 Teilnehmer und eine, soweit ich das aus der Berichterstattung, Eindrücken während der Fahrt und Kommentaren hier und da schließen kann, sehr gute Stimmung unter den Teilnehmern und den vielen vielen an der Strecke verteilten Zuschauern sprechen für eine gelungene Veranstaltung. Die Streckenabsicherung per se und die dafür kurzfristig einspringende Freiwillige Feuerwehr zeugen von einem funktionierenden, engagierten Umfeld. Wie gut die Stimmung tatsächlich war, zeigt sich vielleicht erst im nächsten Jahr, falls bei vergleichbaren äußeren Umständen die Teilnahme so hoch bleibt.

Toll, aber …

Denn unter dem grundlegend positiven Tenor gab es durchaus einen wiederkehrenden Kritikpunkt: die Streckenführung. Und zwar auf mehreren Ebenen. Zum einen verlief die Fahrt dieses Jahr (nach meinem Empfinden) enorm arhythmisch. Statt in einem gleichmäßig dahinrollendem Pulk zu fahren staute sich die Menge abwechselnd bis zu einem minutenlangen Stillstand, um an anderer Stelle bis zur Unkenntlichkeit auseinandergezogen zu werden. Abgesehen von dem Notarzt-Einsatz am Jakoberwall war dies zahlreichen Nadelöhren geschuldet, die man im Vorfeld hätte vorhersehen müssen. Einige Straßenzüge wären selbst mit einem Zehntel der Radfahrer überlastet gewesen, und wenn man von einer 20 Meter breiten Einfallstraße auf eine 4 Meter breite Wohnstraße abbiegt, dann gehört kein Verkehrsingenieursabschluss dazu, um zu ahnen, dass das in einen Rückstau enden wird. Über das letzte Stück an der Kulperhütte vorbei decken wir geschwind den Mantel des Schweigens, doch im Prinzip war das gesamte letzte Streckendrittel eine Ansammlung von Engstellen zwischen zu breiten Straßen. Dass man ein Nadelöhr aber selbst auf einer komplett gesperrten Berliner Allee hinbekommt, ist schon sehr enttäuschend.

Zum anderen wirkte die Strecke abschnittsweise – auch dadurch, dass sich das Feld so sehr auseinanderzog – als würde man durch Niemandsland fahren. Nachts auf der B300 an der Messe vorbei, in einem aufgelösten Pulk, das ist maximal unattraktiv. Schon den gesamten Alten Postweg hinunter dünnte sich die Menge durch das unterschiedliche Tempo so sehr aus, dass es eben kein Corso mehr war, sondern eine sehr lose bestückte Kette – mitten im Nirgendwo.

Selbst wenn man sich fragen kann, was eine „Fahrraddemo“ in einem Gögginger Wohnviertel zu suchen hat, so waren diese Abschnitte wesentlich belebter und stimmungsvoller. Das vermeintliche Stimmungshighlight Schleifenstraßentunnel wurde hingegen gegenüber der letztjährigen Route deutlich entwertet. Wo letztes Jahr der Corso noch gemütlich dahinrollernd sich wieder entgegenkam und selbst feierte, verteilte sich dieses Jahr das Feld einspurig mit höherem Tempo (nachdem man nach Stau kurz zuvor endlich mal voran kam) lang und breit im Tunnel, sodass es relativ ruhig blieb – eine Critical Mass mit 50 Leuten in der Pferseer Unterführung macht mehr Lärm.

Zu sehr gegengesteuert

Die Strecke wirkte auf mich, als wolle man gegenüber der letztjährigen Route die Kritik von außen minimieren – was ja auch legitim ist. Das scheint gelungen, der Polizeibericht spricht von einem „unproblematischen“ Verlauf, die AZ weiß auch von keinen großen Protesten zu berichten. Das hat man – aber da sind wir wieder bei den unterschiedlichen persönlichen Erwartungen – zu sehr zu Lasten der eigentlichen Veranstaltung gehen lassen. Man kann die Streckenführung sowohl vom Standpunkt purer Fahrfreude aus kritisieren – ein homogeneres Tempo im geschlossenen Pulk wäre sehr viel stimmungsreicher – aber eben auch aus „politischer“ Sicht: Eine Radveranstaltung, die den Anschein macht, den restlichen Verkehr nur nicht über Gebühr beeinträchtigen zu wollen, hat eben auch nur einen begrenzten demonstrativen Wert. Ich für meinen Teil würde mir eine Strecke wünschen, die – auf gut deutsch – dem Autofahrer schon deutlich mehr auf den Sack geht. Sonst kann ich auch bei mir zuhause um den Block fahren, da merkt es auch keiner. Eine Sternfahrt wie in Berlin entspricht da sehr viel mehr meinen Vorstellungen. Ich denke, die Stadt hat mit der diesjährigen Strecke zu weit in Richtung „störungsfrei“ gesteuert, nachdem man bei der ersten Austragung vielleicht etwas zu sehr gestört hat.

Das Mittelding

Deshalb wünsche ich mir schon eine deutlich überarbeitete Streckenführung für eine mögliche Neuauflage im nächsten Jahr. Als erstes gehören Start und Ziel an einen Ort, selbst wenn das die Probleme eines möglicherweise abgeschnittenen Stadtteils mit sich bringt. Zwischen „ich kreise die Innenstadt komplett ein“ und „ich fahre ins Niemandsland“ muss noch ein Mittelding passen.

Auch sollte sich der Kurs mehr auf die Innenstadt konzentrieren – auch das ist zugegebenerweise schwer, alleine aufgrund der vielen Straßenzüge, die zwar attraktiv wären (Augsburger Straße durch Pfersee), aber leider aufgrund von Straßenbahngleisen ungeeignet sind. Ich habe dieses Jahr jemanden in der Reichenberger Straße auf die gut sichtbare Verkehrsinsel in der Mitte der Straße knallen sehen – da will man wahrlich keinen Pulk entlang von Gleisen fahren lassen Nichtsdestotrotz muss eine zentrumsnähere Streckenführung möglich sein.

Es ist mir auch nicht klar, weshalb man auf die beidseitige Führung im Tunnel verzichtete – der Gegenverkehr bringt eine enorme Stimmung mit sich, und das ist nicht auf den Tunnel beschränkt. Eine Fahrt in zwei Richtungen auf Straßen vom Typ der Berliner Alle wäre sicher möglich, Aktionspunkte würden so auch mehrfach passiert, und das Hin und Zurück ermöglicht unter Umständen das Umgehen der Probleme eines abgeschnittenen Stadtteils. An eine Unfallgefahr kann ich nicht recht glauben, im Gegenteil: Das Tempo war letztes Jahr im Tunnel viel geringer, da sich das Feld weniger auffächert.

Überhaupt: Der Tempounterschied war auf der diesjährigen Strecke zu vielfältig. Die Strecke muss einheitlicher werden, um ein homogeneres Tempo und damit einen geschlossenen Pulk zu erzeugen. Das ist sowohl für die Radfahrer lustiger, als auch für die an der Strecke verteilten Zuschauer. Das hat auch letztes Jahr nicht überall funktioniert, aber doch wesentlich besser.

Ich hoffe einfach einmal – und rechne damit – dass die guten und schlechten Dinge aus den jetzt zwei Austragungen gut dokumentiert sind und 2018 heißt es dann third time’s a charm. Andererseits könnten wir unsere Aufmerksamkeit nun auch wieder dem schenken, um das es bei der Radlnacht nur allzu weit im Hintergrund geht: dem Radalltag.