Perspektivenwechsel

Schulweg zu Fuß mit der Erstklässlerin. Ein Perspektivenwechsel, der überaus empfehlenswert ist. Ich halte ihn für ein hervorragendes Beispiel für einen der eher abstrakten Auswüchse motorisierter Gewalt (oder auch hier): die nicht mehr hinterfragte, als gegeben hingenommene, kompromisslose Ausrichtung auf den PKW-Verkehr und die tief verankerte Selbstverständlichkeit des Parkens jenseits aller Verbote. Aber der Reihe nach.

Unser Schulweg ist denkbar kurz und führt aus einem (alten) Allerweltswohngebiet über wenige Straßen zur Eichendorff-Schule in Haunstetten. Diese liegt an einer breiten, viel befahreren Straße, über die jedoch direkt an der Schule eine Bedarfsampel leitet – die vermeintlich „gefährliche große Straße“ ist tatsächlich überhaupt kein Problem. Eine Ampel passt hervorragend in das Schwarz-Weiß-Denkschema eines Kindes. Rot ist böse, grün ist gut. Nicht dass man, wenn man ein Kind an einer Ampel beobachtet, nicht auch öfters die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte, aber begriffen wird das Konzept Ampel prinzipiell sofort. Das klappt auf Anhieb so gut, dass das „Trainieren“ der Ampel im Schulunterricht sowie das stichprobenartige Vorhandensein eines Verkehrspolizisten direkt vor der Schule zwar löblich, aber überflüssig erscheint. Der ganze Rest hingegen …

Nun, was kann an der Überquerung von Straßen im Wohnviertel schon so kompliziert sein? Wenn einem die Straßenplanung aus dunklen Jahren des letzten Jahrhunderts und das Verhalten einiger Parkenden Steine in den Weg wirft – überraschend viel.

So eng die Straßen in unserem Wohnviertel auch sind, die Kreuzungen und Einmündungen sind mit Kurvenradien geplant und umgesetzt, die in neueren Vierteln so zum Glück nicht mehr vorkommen. Sie sind so großzügig gewählt, dass der Einmündungstrichter locker doppelt so breit ist wie die Straße selbst. Das macht den Weg von einer zur anderen Straßenseite enorm weit und macht die gesamte Kreuzung extrem unübersichtlich. Dazu kommt, wie in jedem Wohnviertel, die Parksituation. Alle Straßen sind mindestens einseitig komplett zugeparkt. Und sei es, weil viele zu faul sind, einen anständigen Parkplatz zu suchen oder weil die riesigen Kurvenradien dazu einladen: es sind auch die Kreuzungen komplett zugeparkt.

Und nun kommt ein kleiner Mensch an – und kann im Gegensatz zu uns nicht über die parkende Autoreihe hinweg schauen. Ich kann meine Tochter nun an die Hand nehmen, für sie schauen, und dann mit ihr die Straße queren. Ziel ist aber, dass das Kind lernt, den Weg selbst zu bewältigen. Also halte ich mich zurück, schaue natürlich für sie mit, bereit, einzugreifen. Überlasse jedoch die Wegwahl und das Beurteilen der Situation erst einmal ihr. Wenn ich sie demnächst alleine gehen lasse, muss sie das ja schließlich auch tun.

Es ist Augen öffnend, zu beobachten, wie weit sich das Kind in die Straße wagen muss, bis sie in alle Richtungen sehen kann. Man muss sich das Ergebnis auf einer Satellitenansicht einmal visualisieren und sich am besten noch die Autos von den Straßenrändern wegdenken. Es ist absurd. Absurd, wieviel Raum der Kreuzung aus Kindersicht durch die verquere Ausführung und die parkenden Autos völlig verloren ist.

Klar, ich kann dem Kind entsprechend beibringen, die Straße nicht direkt an der Kreuzung zu queren, sondern möglichst schon zuvor, wo die Straße noch eng ist. Wobei man dann aus Parkreihen hervorspitzende Kinder hat – auch nicht unbedingt das, was man will, insbesondere, da sie aufgrund ihrer Körpergröße viel weiter hinausgehen müssen als wir. Wir Erwachsene haben kein Problem damit, jedes Mal aufs Neue genau einzuschätzen, wo an der Straße das Überqueren am sinnvollsten ist. Eine 6-jährige hingegen kann das noch nicht, weil das eben nicht ins Schwarz-Weiß-Schema passt.

Nun ist es nichts Neues, dass Verkehr für Kinder eine Herausforderung ist. Dass man als Eltern das Kind unterstützt, den Schulweg zu meistern, ist eben Aufgabe der Eltern, ob das nun ein paar Tage, Wochen oder Monate und Jahre dauert. Diese Aufgabe ist, sozusagen, naturgegeben. Aber alle weiteren Umstände sind es eben nicht. Kreuzungen, die – insbesondere in Wohnvierteln! – völlig unverhältnismäßig und ohne jede Not die vermeintlichen Bedürfnisse des PKW über jene des Fuß- (oder Rad-)Verkehrs stellen sind NICHT naturgegeben. Sie sind noch nicht einmal notwendig. Nicht einmal sinnvoll. Sie sind falsch, sie sind dumm, sie sollten und DÜRFEN nicht sein. Und ebensowenig naturgegeben ist es, dass „man irgendwo ja parken müsse“. Irgendwo schon, aber nicht in Kurven und Kreuzungen. Nicht auf dem Gehweg, nicht im Halteverbot (wenn man einmal davon ausgeht, dass das Halteverbot schon aus irgendeinem Grund besteht). Schreck lass nach, dann muss man eben einmal ein oder zwei Straßenzüge weiter weg parken.

Stattdessen nimmt sich der motorisierte Verkehr aber einfach den Raum, der ihm aus guten Gründen nicht zusteht. Und wie man auch an der kürzlich für Aufsehen erregenden Story Radfahrer versus Radspur-versperrender Paketdienst und der starken Parteinahme vieler Kommentare PRO Paketdienst sieht: dieses Falschparken, diese Vereinnahmung von Raum, der nicht für den motorisierten Verkehr da sein sollte, wird von vielen toleriert, und mehr noch: als unumgänglich und damit rechtschaffen angesehen.

DAS ist (auch) motorisierte Gewalt. Das ausufernde Falschparken ist das rücksichtslose Erhalten eines (natürlicherweise nicht existierenden) Vorteils des Autos zu Lasten aller anderen Verkehrsmittel: dass man nämlich davon ausgeht, mehr oder minder unmittelbar Start und Ziel verbinden zu können. Man fährt vor der Haustür los und kommt direkt am Ziel an. Das kann eigentlich nur ein Verkehrsmittel: die eigenen Füße. Das Rad kommt dem ebenfalls sehr nahe. Beim Auto klappt das schon lange nicht mehr, doch statt zu akzeptieren, dass ein Parkplatz in unmittelbarer Nähe schlicht nichts (mehr) ist, womit man rechnen kann, wird gewaltsam der nötige Raum beansprucht, allen Rechten anderer und dem gesunden Menschenverstand zum Trotz. Die Ordnungshüter sehen entweder weg oder können gar nicht genug sehen (Personalmangel). Die Strafen sind schwach. Und wieso auch immer gibt es gesellschaftlich keine Ächtung, sondern ganz im Gegenteil einen Zuspruch bzw. zumindest eine hohe Toleranz. „Muss halt“. Einen Scheißdreck muss es.

Die Bausünden sind das eine. Sie zu korrigieren ist mühsam und funktioniert vielleicht in Einzelfällen. Die Priorisierung von Leistungsfähigkeit im Sinne von „möglichst viele PKW, egal was sonst“ wird noch ewig andauern, alleine weil die Macht des Faktischen für eine Aufrechterhaltung spricht (macht es nicht richtiger). Aber zumindest am Verhalten könnte man arbeiten. WO UND WIE MAN PARKT IST IMMER NOCH GANZ ALLEINE DIE ENTSCHEIDUNG JEDES EINZELNEN. „Wo soll ich denn sonst parken“ ist immer leicht zu beantworten mit „naja, zumindest nicht hier, denn hier stehst du Radfahrern im Weg, Fußgängern im Weg, selbst anderen Autofahrern im Weg, Kindern im Weg, die nicht um dich herumsehen können und auf die Straße laufen müssen, bis sie DICH HINDERNIS umgehen können“.

Es kann gesellschaftlich nicht gewollt sein, dass unsere Wege zugeparkt werden, dass Rechte Anderer eingeschränkt werden zum Wohle Einzelner. Deppenparken hilft immer nur einem Individuum, behindert oder gefährdet aber viele andere. Wer das verteidigt, verteidigt lediglich die Pseudo-Rechtfertigung, auch einmal so zu handeln. Und wir reden hier nicht vom Versehen, ein Verbot übersehen zu haben oder eine potentielle Behinderung/Gefährdung nicht erkannt zu haben. Fehler passieren. Wir reden auch nicht vom Äquivalent des „Nachts um drei über die rote Ampel gehen“. Aber wer im Wohngebiet wie das hinterletzte Arschloch parkt, weiß, was er/sie tut.

Und wer nicht abschätzen kann, dass er/sie wem im Weg stehen könnte, dem empfehle ich wärmstens, mal wieder mit einem Kind den Schulweg zu laufen.