Räder raus aus dem Tunnel

Seit Mitte der Woche finden sich in der Pferseer Unterführung Schilder, die das Abstellen von Fahrrädern „aus Gründen der Verkehrssicherheit“ untersagen. Ganz überraschend kommt das nicht, hieß es doch schon Ende November:

Geht es nach Baureferent Gerd Merkle (CSU), dann würde er mit den in der Pferseer Unterführung abgestellten Fahrrädern kurzen Prozess machen: Erst Hinweisschilder aufstellen, dass die Räder hier nicht abgestellt werden sollen, dann nach einer gewissen Frist abräumen. „Das ist ein Gefahrenpotenzial für Fußgänger. Es kann nicht sein, dass sie dort nicht mehr laufen können.“

Dass es ganz so einfach nicht wird, wusste man freilich auch:

Ob die Räder tatsächlich aus der Unterführung entfernt werden, ist aber ungewiss. Die Bauverwaltung hat rechtliche Bedenken angemeldet, weil Räder auf Gehwegen grundsätzlich abgestellt werden dürfen. Man sei intern in der Diskussion, so Merkle.

Tatsächlich sieht die Straßenverkehrsordnung so etwas wie ein Halteverbot für Fahrräder nicht vor, im Gegenteil „gehört [Fahrradparken] zum sogenannten Gemeingebrauch an öffentlichen Straßen“ (Quelle). Dahingehende Schilder sind somit erst einmal „nichtbeachtlich“. Wobei ein Verbot – und das Entfernen von geparkten Rädern – unter bestimmten Vorzeichen dennoch möglich ist. Nicht von ungefähr wird der Grund auf den Schildern in der Pferseer Unterführung gleich mitgeliefert: aus Gründen der Verkehrssicherheit.

Abgestellte Fahrräder dürfen weder behindern noch gefährden. Ob sie das in der Pferseer Unterführung tun, ist Ansichtssache. Hier prallen Theorie und Praxis aufeinander. In der Theorie würde ich sagen, dass eine Gefährdung nicht vorliegt, nicht vorliegen kann. Der Weg ist rund 2,5 Meter breit, was der Frequenz an Fußverkehr angemessen ist. Durch die Räder am Rand bleiben gute 2 Meter übrig. Auch das ist, wenn zwar nicht üppig, so doch weit von „Es kann nicht sein, dass sie dort nicht mehr laufen können“ entfernt.

Der Weg ist darüber hinaus als „Fahrrad frei“ Fußweg beschildert. Heißt: hier dürfen zwar Räder fahren, jedoch (ob bei Bedarf oder generell ist in diesem Fall zweitrangig) nur mit Schrittgeschwindigkeit. Ist es nötig, hat der Radfahrer abzusteigen. Ein Fußweg ist ein Fußweg ist ein Fußweg. Der Fußgänger hat immer Recht. Eine Einschränkung durch Radfahrer sollte/darf also – theoretisch – nicht stattfinden.

In der Praxis muss man jedoch schon beobachten, dass der Weg eher wie ein herkömmlicher, gemeinsamer Rad-/Fußweg benutzt wird. Radfahrer sind entsprechend schnell(er) und klingeln Fußgänger allzu gerne aus dem Weg. Nimmt man dann auch noch jene Radfahrer hinzu, die in falscher Richtung unterwegs sind, kann – und muss – man dem Gefährdungsargument durchaus zustimmen.

Nur: Wenn man der Auffassung ist, dass eine Gefährdung vorliegt, bedeutet das, dass man die Unwirksamkeit der Anordnung dort anerkennt? Wäre der nächste logische Schritt dann nicht, die Anordnung dahingehend zu verändern, dass die Gefährdung wirksamer unterbunden wird? Sprich: Man verbannt die Radfahrer komplett vom Gehweg, indem man das „Fahrrad frei“ aufhebt? Ein Schelm, der sich folgendes denkt: Mit mehr Fahrradverkehr auf der Straße käme man um ein Tempo 30 wohl endgültig nicht mehr herum – und das will man offenbar auf keinen Fall. Und selbst dann bleibt zu befürchten, dass wohl immer noch viele (mein Tipp: die Mehrheit) dennoch auf dem Gehweg fahren, weil ihnen die Fahrbahn mit ihren Straßenbahngleisen und überholenden Autos zu unsicher erscheint. Ein Schild mehr oder weniger – man braucht sich nichts vorzumachen: es würde an der Praxis vermutlich nichts ändern, die Pferseer Unterführung ist dem Aufkommen an unterschiedlichen Verkehrsarten schlicht nicht gewachsen.

Kurzum, man scheint überzeigt, dass man in der Pferseer Unterführung zu keiner Anordnung kommen wird, die auch eingehalten wird. Oder fürchtet eine Einschränkung des motorisierten Verkehrs, die man nicht in Kauf nehmen möchte? Also will man die parkenden Fahrräder entfernen. Einfach, weil es die einzige Stellschraube zu sein scheint, an der man (vermeintlich) wirksam drehen kann. Eine pragmatische Herangehensweise. Wenngleich eine oberflächliche, da das Wohl und Wehe der Fußgänger wahrscheinlich zum geringsten Teil an den geparkten Rädern hängt.

Doch warum stehen dort überhaupt Fahrräder? Seit dem Ewigkeitsumbau zum Helio-Center fallen die Abstellmöglichkeiten an der Nordseite des Centers, gleich nach dem Tunnelausgang, flach. Da während des Bahnhofumbaus auch der Gleiszugang auf dieser Seite stärker benutzt wird und – oh Ironie – das (kostenpflichtige) Fahrradparkhaus hier eröffnete und natürlich einen freien Zugang benötigt, muss der früher von Fahrrädern besetzte Raum ebenfalls frei bleiben. Kurzum: Wer zum Zug pendelt, dem bleibt mehr oder minder nur der Tunnel als Parkplatz übrig. Für Ersatz sorgte niemand, der Bedarf ist aber nach wie vor da.

Da nun ein Ende der Fassadenarbeiten an der Helio-Nordseite endlich absehbar erscheint, liegt die vermeintliche Lösung* recht nahe: man schafft an dieser Stelle wieder ein ordentliches Abstellangebot, lies: z. B. Radbügel. Die über den Daumen gepeilten 50 Räder, die derzeit im Tunnel parken, bekäme man dort locker unter – vor dem Umbau gab es schließlich auch kaum im Tunnel abgestellte Räder. Vielleicht ist dies der Plan der Stadt und die Schilder sind derzeit „zur Gewöhnung“ angebracht. Sinnvoll wäre dann aber freilich noch ein Hinweis, wo sich (zukünftig) die vorgesehenen Abstellmöglichkeiten befinden.

*Lösung im pragmatischen Sinne, dass man das Parken im Tunnel unterbindet, indem man ein besseres Angebot schafft. Die generellen Probleme in der Pferseer Unterführung sind komplizierterer Art.