RE: Fahrradstraße zur Umgehung der Augsburger Straße

Eine Umgehung der Augsburger Straße ist schon seit Ewigkeiten ein Thema, das Augsburger Radfahrende bewegt. Im ziemlich genau vor vier Jahren stattfindenden Workshop zur Fahrradstadt 2020 wurde dieser Straßenzug schon mit deutlicher Mehrheit als Ärgernis benannt und eine Umgehung – möglichst als Fahrradstraße – gewünscht. Dieser Wunsch wird nun wohl in Bälde erfüllt: mehr oder minder parallel zur Augsburger Straße wird die Treu-, Färber- und Gollwitzerstraße zur Fahrradstraße umgewidmet. Doch nicht nur die Kolumne Radlerleben fragt sich, ob damit nun alles gut werde.

Ich beginne mit dem Positiven: Mir gefällt, dass die Route komplett genug ausfällt, um sinnvolle Punkte miteinander zu verbinden. Auf der stadtauswärtigen Seite beginnt sie mit der Treustraße, welche wiederum auf Höhe der Otto-Sauler-Straße den Sheridanpark anbindet. Dieser bildet das Kernstück einer Nord-Süd-Verbindung, auf der sich hervorragend von Göggingen im Süden bis nach Oberhausen im Norden fahren lässt, ohne mit besonders viel Autoverkehr in Berührung zu kommen. Am anderen Ende mündet die Gollwitzer Straße in den Gollwitzer Steg, einer Überquerung der Wertach für Rad- und Fußverkehr – eine gute Alternative zur Luitpoldbrücke, die man auf der Augsburger Straße überqueren würde. Nach dem Gollwitzer Steg sieht es zwar etwas mau aus mit Radwegen (I’m looking at you, Perzheimstraße), aber im Zuge des neuen Bahnhofszugangs auf der Westseite der Gleise darf man ja vielleicht darauf hoffen, dass die Radrouten dorthin auch noch angepasst werden.

Doch kommen wir zur Fahrradstraße in spe selbst. Die Treu-, Färber- und Gollwitzerstraße sind heute schon Tempo-30-Zonen, die durch typische, alte Wohngebiete führen. Welche Vorteile bietet die neue Streckenführung oder noch genauer: Welche Vorteile bietet sie als Fahrradstraße, die sie heute noch nicht bietet?

Keine Tram

Offensichtlich fallen auf dieser Route die Straßenbahnschienen weg, die auf der Augsburger Straße gerade im Bereich der Haltestellen zu 30 cm breiten Restfahrstreifen neben den Gleisen führen bzw. es notwendig machen, ein Gleis zu überqueren, um inmitten der Gleise zu fahren. Das ist nachvollziehbarerweise nicht jedermanns und -fraus Sache. Deutlich mehr RadfahrerInnen wählen daher auch die – im Haltestellenbereich per Schild erlaubte – Flucht auf den Fußweg, was keinesfalls erstrebenswert ist, wie die Radlerkolumne treffend beschreibt:

Man darf an Haltestellen auf den Fußweg und hinter dem Häuschen vorbei radeln, um dann wieder auf die Straße zurückzukommen. Aber ehrlich: Radler gehören nicht auf den Fußweg und schon gar nicht ins Umfeld einer Straßenbahnhaltestelle. Und danach heißt es, sich wieder in den Verkehr einzufädeln – oder, nicht erlaubt, aber gängig, einfach auf dem Fußweg zu bleiben.

Wem diese Möglichkeiten also wie Pest und Cholera erscheinen, der muss die Augsburger Straße komplett meiden. Und kann seit jeher beispielsweise die nun auserkorene Route wählen, um eine Straße ohne hinterlistige Stolperfallen im Boden zu genießen. Einer Fahrradstraße bedarf es dazu nicht. Ortsunkundigen wäre möglicherweise schon mit einer Wegweisung geholfen.

Weniger Verkehr

Straßenbahnschienen sind das eine, knapp überholende Autos, Parkplatzsucher und sich öffnende Türen ein weiterer Faktor. Da klingt eine beschauliche Wohnstraße angenehmer. Ob Tempo-30-Zone oder Fahrradstraße spielt dabei aber offen gesagt wieder keine Rolle. Denn dass man eine Fahrradstraße einrichten würde, in der motorisierter Verkehr untersagt werden würde, ist tatsächlich utopisch. In einem gewachsenen, alten Wohngebiet würde das völlig nachvollziehbar zu einem Aufstand der Anwohner führen. Es würde mich nicht verwundern, würde im neu geplanten Haustetten Südwest eine autofreie Trasse geplant – möglicherweise würde mich sogar enttäuschen, falls nicht. Aber in einem bestehenden Wohngebiet? Vielleicht kommen wir noch so weit, aber nicht zum jetzigen Zeitpunkt.

Möglicherweise – und ganz bestimmt sogar zu Stoßzeiten – trifft man auf der Ausweichroute auf weniger fahrenden Verkehr, dafür umso mehr auf stehenden. Der überfährt einen zwar nicht, raubt aber oftmals die Übersicht. Und das wiederum stellt sich als gravierender Nachteil gegenüber einer Hauptstraße wie der Augsburger Straße dar. Mangelnde Übersicht kann man dieser nun wahrlich nicht vorwerfen.

Platz und Übersicht

Übersicht ist ein ganz wesentlicher Faktor für die Sicherheit und den Komfort gleichermaßen. Wenn die Straßenbahnschienen der einzige Grund für das Unwohlsein vieler Radfahrenden wäre, warum wünschen sie sich dann immer noch eine Umfahrung, statt diese nicht schon lange zu nutzen? Fühlen sie sich auf der schon immer vorhandenen Alternative etwa auch nicht so richtig wohl? Und woran könnte das liegen?

Unsere (alten) Wohngebiete sehen mehr oder minder überall gleich aus, will sagen: die Straßenränder sind zugeparkt. Die Kreuzungsbereiche bleiben schon lange nicht mehr davon verschont, entsprechend unübersichtlich gestalten sich manche oft. Wie in 30-Zonen üblich, gilt rechts-vor-links. Je schlechter die Kreuzungen einsehbar sind, desto stärker muss man abbremsen. Natürlich leidet nicht nur die eigene Sicht, auch andere Verkehrsteilnehmer sehen einen potenziell später. Die Route durch Treu-, Färber- und Gollwitzer Straße zählt auf rund einem Kilometer acht Kreuzungen/Einmündungen.

Dazwischen verengen die Parkreihen die Fahrbahn zeitweise de facto zu Einbahnstraßen. Ein Auto und ein/e Radfahrer/in passen da rechnerisch durchaus nebeneinander durch, doch „Sicherheitsabstand“ braucht da niemand mehr zu rufen. Bei entsprechend geringem Tempo lässt sich das alles managen, und warten ist freilich immer eine Option – man möge mir verzeihen, wenn ich anmerke, dass viel zu vielen AutofahrerInnen das überhaupt nicht in den Sinn zu kommen scheint, auch wenn das Hindernis auf ihrer Seite ist –, aber eine klare Verbesserung gegenüber der Augsburger Straße kann ich hier nicht erkennen.

Immerhin – das muss man erwähnen – ist der Straßenzug an einigen Stellen nachgebessert, um zumindest Kreuzungsbereiche besser freizuhalten. Gleich zu Beginn an der Einmündung der Treustraße etwa, oder an der Kreuzung mit der Brunnenbachstraße wurden Einbauten in die Straße gezogen, was die Kreuzungen deutlich besser einsehbar macht. Wenn dies noch konsequenter durchgezogen wird, könnte das ganz entscheidend sowohl Sicherheits- wie Komfortempfinden verbessern. Je besser ich Kreuzungen einsehen kann, desto weniger muss ich befürchten, Verkehr zu übersehen und desto eher kann ich unnötiges Bremsen vermeiden und stattdessen angenehm gleichmäßig weiterfahren.

Vorfahrt

Eine Umwidmung zur Fahrradstraße berührt die Vorfahrtsregelung erst einmal nicht. Anscheinend ist man sich im Stadtrat noch nicht einig, ob man es bei rechts-vor-links belässt oder der Fahrradstraße doch Vorfahrt einräumen sollte. Die Bedenken gegen eine Vorfahrtsregel sind wahrscheinlich, dass sich die Alternativroute dann auch dem Autoverkehr anbietet und die Geschwindigkeit im Wohnviertel steigt. Doch die herrschenden Platzverhältnisse lassen mich daran zweifeln, dass dies je eine attraktive Alternative selbst zur verstopftesten Feierabendzeit werden könnte. Ganz davon abgesehen, dass Verkehr stadtauswärts erst einmal links abbiegen müsste, was für sich genommen schon mehr Zeit kostet, als im besten Fall je aufgeholt werden könnte.

Ob eine Vorfahrtregelung für den Radverkehr von Vorteil sein kann, hängt jedoch auch entscheidend von der schon zuvor erwähnten Übersichtlichkeit der Kreuzungen ab. Gibt man uns Radfahrern nicht allzu vorschnell den guten Rat „im Zweifel lieber auf sein Recht zu verzichten“? Wer wollte sich also in einem unübersichtlich zugeparkten Wohngebiet allzu sicher auf seine Vorfahrt verlassen, wenn man auf der Kreuzung erst gesehen werden kann, wenn es beinahe schon zu spät ist? Klar, das gilt bei rechts-vor-links ganz genauso. Natürlich hätte ich lieber Vorfahrt, aber ich persönlich würde es jederzeit gegen bauliche Verbesserungen der Kreuzungsbereiche eintauschen.

Spannend ist bei der Vorfahrtsfrage aber vor allem: An der Kreuzung mit der Luitpold-/Franz-Kobinger-Str gilt derzeit Vorfahrt Achten, an der Kreuzung mit der Brunnenbachstr steht gar ein Stopp-Schild. Denkt man im Stadtrat auch an diese Stellen? Traut man sich, hier die Vorfahrt umzudrehen, oder geht es nur um die verbliebenen sechs Rechts-vor-Links-Kreuzungen? Ein Aufheben von rechts-vor-links ohne eine Vorfahrtumkehr an den restlichen beiden Kreuzungen ergäbe einigermaßen wenig Sinn.

Was wünscht sich „der Radfahrende“ und ist eine Fahrradstraße die Lösung?

Augsburger Radfahrende sind also in erheblicher Anzahl nicht glücklich mit der Augsburger Straße. Dass es seit jeher den Wunsch nach einer Alternativroute gibt, obwohl diese ja prinzipiell schon besteht, sollte deutlich machen, dass mit der bestehenden Route offenbar auch nicht alle Wünsche befriedigt werden. Tauscht man nun das Zone-30-Schild gegen ein Fahrradstraßenschild, dürfte sich daran nichts ändern. Wer nur den Straßenbahngleisen ausweichen wollte, tat das bisher schon. Selbst wenn es nicht das Sicherheits- und Komfortempfinden gibt, sondern jeder dies anders bewertet und gewichtet, so stellt die Unübersichtlichkeit in einem teils stark zugeparkten Wohnviertel einen Faktor dar, der beides negativ beeinflusst. Man tauscht den ungeduldigen fließenden Verkehr auf der durchgehend vorfahrtberechtigten und trotz allem übersichtlichen Augsburger Straße mit einer zwar ruhigeren, weniger befahrenen, aber auch oft unübersichtlichen Straße, die – zumindest unverändert – nicht unbedingt ein gleichmäßiges Dahinfahren garantiert. Über die Straßenzustände im Winter wollen wir erst gar nicht reden. Auch ob rechts-vor-links beibehalten wird oder stattdessen Vorfahrt für die Fahrradstraße gilt, halte ich persönlich nicht für entscheidend, insbesondere wenn an den zwei Kreuzungen, wo bislang Vorfahrt-Achten und Stopp gilt, die Vorfahrt nicht umgekehrt wird.

Entscheidender wäre aus meiner Sicht, die Übersichtlichkeit anzugehen. Teilweise ist dies schon geschehen, indem Kreuzungsbereiche mit überbreiten Einmündungstrichtern baulich verengt wurden. Das kostet den ein oder anderen Parkplatz, doch genau darum geht es. Auch Anwohnern sollte dies auf lange Sicht recht sein – wer Kinder hat, wird wissen, worauf ich hinaus will. Je mehr Übersicht ich habe, desto mehr habe ich „das Geschehen in der Hand“, desto komfortabler bin ich unterwegs und desto sicherer fühle ich mich. Reichlich unabhängig vom Verkehrsmittel übrigens.

Vielleicht könnte auch eine partielle Einbahnstraßenregelung helfen. Selbst wenn man den Straßenzug für den motorisierten Verkehr nur zwischen ein oder zwei Querstraßen unterbricht, dürfte das jedweden Ausweichverkehr unterbinden und die Problematik von zu wenig Platz für Begegnungsverkehr beseitigen oder abmildern. Auch das wäre letztlich nur eine logische Konsequenz der Einrichtung einer Fahrradstraße: Sollte darin nicht der Sinn und Zweck liegen, das Fahrrad gegenüber anderem (insbesondere dem motorisierten) Verkehr zu bevorzugen? Dass sich die Straße so darstellt, dass das Radfahren darauf die offensichtliche, gewünschte primäre Verkehrsart ist? Oder wenigstens die Wahl für die breite Mehrheit der Radfahrenden klar gegenüber jeder Parallelroute ausfällt? Ein Schild allein leistet dahingehend noch gar nichts.