Zahlen lügen nicht. Außer, wenn doch.

Die AZ berichtet über eine „stichprobenartige Zählaktion an zwei Augsburger Kreuzungen“ des ACE im Rahmen dessen „Fahr mit Herz“-Jahresaktion und überschreibt das Ganze mit „Autofahrer und Radler im Verkehr: Rücksichtnahme? Fehlanzeige“. Da könnte man schon einwerfen, dass das eine gewagte pauschale Schlussfolgerung sein könnte angesichts der geringen Fallzahl der Zählaktion, aber das Thema ist ja prinzipiell interessant, also schauen wir doch mal, was bei dieser Zählaktion so zusammengetragen wurde.

Eine offizielle Pressemitteilung des ACE zur Augsburger Zählaktion konnte ich leider nicht finden. Insofern bleibt zur Beurteilung nur der AZ-Artikel, aus dem z.B. nicht hervorgeht, ob und/oder was direkt vom ACE übernommen wurde. Ebenso fehlen Details zum Zeitpunkt und der Systematik. Laut Artikel wurden die Kreuzungen Landsberger/Inninger Straße (Haunstetten) sowie Schaezler/Prinzregentenstr (Innenstadt) untersucht. Bei letzterer Angabe kommen mir schon Fragezeichen, denn der AZ-Artikel eröffnet mit einer Anekdote an der Kaiserhofkreuzung, und auch im kurzen Termineintrag des Schirmherrn Güller wird eben jene Kaiserhofkreuzung (Halder/Hermanstr) genannt. Die Kreuzung Schaezler/Prinzregentenstr ist seit geraumer Zeit eine Baustelle, das Abbiegen ist dort derzeit überhaupt nicht möglich. Entweder ist also die Angabe falsch, oder die Zählung fand schon vor längerem statt.

Wo die Zählungen stattfanden ist durchaus relevant um einordnen zu können, was beobachtet wurde. Worauf insgesamt geachtet wurde, lässt sich nur erahnen, jedoch richtet sich die Aktion des ACE bezüglich der Autofahrenden klar auf den Schulterblick beim Abbiegen. Auch der AZ-Artikel leitet entsprechend ein:

In Augsburg hat es in den vergangenen Jahren häufiger gekracht. Die Polizei hat 2017 gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme um 4,24 Prozent bei den Radunfällen verzeichnet. Häufig, so Hauptkommissar Gerhard Stern vom Polizeipräsidium, habe es beim Abbiegen gekracht.

In der Folge werden zuerst Zahlen zum Fehlverhalten der Autofahrenden aufgeführt:

An der Einmündung Landsberger-/Inninger Straße, wo vor drei Jahren eine Radlerin von einem abbiegenden Kipper überrollt und getötet wurde, ließen 42 von 116 abbiegenden Autofahrern den Blick über die Schulter weg, an der Kreuzung Schaezler-/Prinzregentenstraße waren es sogar 192 von 265 Autofahrern. Hinzu kamen weitere Fehler wie fehlendes Blinken.

So weit, so schlecht. An der einen Kreuzung lässt also rund ein Drittel der Autofahrenden den Schulterblick weg, an der Innenstadtkreuzung sogar fast Dreiviertel aller Beobachteten. Der Vollständigkeit halber sei aber auch angemerkt, dass ein fehlender Schulterblick nicht per se bedeuten muss, dass der/diejenige Autofahrende blind abgebogen ist. Auch fehlendes Blinken ist nicht automatisch sicherheitsrelevant. Prinzipiell kann und muss man jedoch festhalten: Beides können sehr gravierende Fehler sein.

Es schließt sich im AZ-Artikel ohne weitere Analysen oder Bemerkungen an:

Allerdings kommen nach den ACE-Zahlen auch die Radler nicht allzu gut weg. An der Innenstadtkreuzung waren von 125 gezählten Radlern nur 52 fehlerfrei unterwegs, in Haunstetten waren es immerhin 112 von 161. Hauptfehler: kein Handzeichen beim Abbiegen und die Nutzung von Ampelübergängen, die nur für Fußgänger gedacht sind.

Und jetzt ist der Punkt erreicht, an dem man entschieden eingreifen muss. Der Artikel reitet hier handwerklich in vollem Galopp in die rhetorische Falle, in die so viele Artikel geraten (ob gewollt oder nicht). Hier werden Zahlen gegenübergestellt. Zahlen lügen nicht, oder? Es sind aber keine gleichwertigen Zahlen, die man so ohne weiteres Gegenüberstellen sollte oder könnte.

Also: Dreiviertel der Autofahrer machen keinen Schulterblick, aber rund die Hälfte der Radfahrer machen ja auch was falsch. Daraus folgt? Tja, was? Rein rhetorisch bietet der Artikel hier den leichten Ausweg für den zuerst Angesprochenen: „So ein Glück, die Anderen machen ja auch nicht alles richtig, also dürfen die nicht mit dem Finger auf mich zeigen, ich bin nicht schuld, die anderen auch“. Völlig unter den Tisch fällt dabei, dass die beobachteten Fehlverhalten nicht im Ansatz gleichwertig sind und nicht einmal die Rollen, welche die beteiligten Verkehrsteilnehmer einnehmen, vergleichbar sind was ihr Gefährdungspotenzial betrifft.

Biegt ein/e Autofahrende/r ab, kreuzt er/sie (bei den beobachteten Kreuzungen) zwangsläufig den Weg der Radfahrenden. Wird der Schulterblick weggelassen, ist die Möglichkeit gegeben, dass Radfahrende, die dabei in jedem möglichen Szenario Vorfahrt haben, nicht gesehen werden. Wird darüber hinaus nicht geblinkt, nimmt dies Radfahrenden auch noch die offensichtliche Möglichkeit, frühzeitig zu reagieren. Überspitzt gesagt: An der beobachteten Innenstadtkreuzung riskieren beinahe 75% der Autofahrenden eine fahrlässige Körperverletzung.

Was riskiert hingegen der/die Radfahrende, wenn kein Handzeichen gegeben wird? Hier lohnt ein Blick auf die beobachteten Kreuzungen. Beispiel Landsberger/Inninger: Wer hier von der Landsberger in die Inninger rechts abbiegt, muss vom Hochbord-Radweg auf Straßenniveau hinunter, um die Kurve, wo er/sie wieder von der Fahrbahn auf einen separaten Radweg geleitet wird. Egal, ob der/die Radfahrende also rechts abbiegt oder geradeaus fährt, ein abbiegendes Auto muss in jedem Fall warten, da es keinesfalls gleichzeitig mit dem Rad abbiegen kann, ohne dieses dabei zu gefährden. Gleiches gilt in Gegenrichtung (im Bild von unten kommend rechts in die Tattenbach abbiegen). Auch hier muss der/die Radfahrende den Hochbordradweg verlassen, um auf der Fahrbahn um die Kurve zu fahren. Ein Auto muss also sowohl Rechtsabbieger als auch Geradeausfahrer erst abwarten. Es ist völlig unerheblich, was der/die Radfahrende treibt.

Beispiel Innenstadtkreuzung. Hier könnte man argumentieren, dass rechtsabbiegende Radfahrende ausreichend separiert sind, sodass ein gleichzeitiges Abbiegen von Rad und PKW möglich ist (wenngleich unwahrscheinlich). Wer hier also seine Absicht abzubiegen nicht kundtut, bremst ein Auto womöglich etwas aus.

Was haben wir also gerade verglichen? Eine potenzielle Gefährdung mit einer potenziellen Verzögerung. Diesen Unterschied muss man betonen. Das hat nichts mit dem „der andere macht auch was falsch, also darf man mir nicht vorwerfen, was falsch gemacht zu haben“ zu tun. Es ist die notwendige Gewichtung der genannten Zahlen, es ist der notwendige Kontext, der eine korrekte Bewertung zulässt bzw. eine falsche Auffassung unterbindet.

Was ist mit dem zweiten „Hauptfehler“ der Radfahrenden, dem Benutzen von Übergängen, die nur für Fußgänger gedacht sind?

[Das] ist ein Problem für Fußgänger, aber auch für Autofahrer, die an dieser Stelle keine Radler mit hoher Geschwindigkeit erwarten“, sagt Harald Güller, SPD-Landtagsabgeordneter und Schirmherr der ACE-Aktion.

Dieses Vergehen ist ein etwas kurioses. Aus dem Bauch heraus hätte man (hätte ich) als gravierenden Fehler eher das Fahren bei Rot („die fahren doch alle bei rot“) oder das Fahren in falscher Richtung erwartet. Einen Übergang, der nur für Fußgänger gedacht ist, zu benutzen, geht ein wenig in die Richtung von letzterem. Für Radfahrende ist vorgesehen, dass sie Kreuzungen nur rechtsseitig umrunden. Ein U-Turn an einer Kreuzung kann regelkonform zumeist also nur über drei Ampeln erfolgen: erst rechts entlang der Fahrtrichtung die Querstraße überfahren, dann die Straßenseite wechseln, dann wieder rüber die Querstraße. Einfach gleich diesseits der Kreuzung die Straßenseite wechseln ist fahrenderweise in der Regel nicht gestattet – dementsprechend wird die Ampel auch nur ein Fußgängersymbol zeigen. Genau genommen ist dies ein Fahrtrichtungsvergehen.

Nun kann man diskutieren, ob man hier als abbiegender PKW auf „Radler mit hoher Geschwindigkeit“ treffen kann (Spoiler: I don’t think so). Das einzige Szenario, in dem ich mir hier eine/n schnelle/n Radfahrende/n vorstellen kann, ist der klassische Geisterfahrer: linksseitig unterwegs, geradeaus die Kreuzung querend, trifft auf abbiegendes Auto. Das ist definitiv eine Gefahrenquelle, definitiv auch ein zu oft anzutreffendes Fehlverhalten – aber ich denke nicht, dass das die Fälle sind, die während der Zählaktion beobachtet wurden. Wer würde denn Geisterfahrer als „haben einen Übergang benutzt, der nur für Fußgänger gedacht ist“ bezeichnen? Ein Blick auf die Kreuzung Landsberger/Inniger Straße lässt für mich vielmehr den Schluss zu: hier wurden zahlreiche Radler gezählt, welche die Kreuzung „linksseitig“ Richtung Tattenbachstraße gequert haben. Und während das zwar (fahrenderweise) nicht korrekt ist, so ist es einer dieser Fälle, die der ADFC anmerkt:

Allerdings, so eine Kritik des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs, müsse man auch sehen, dass manche Verkehrsführungen (auch unbewusste) Regelverstöße provozierten.

An dieser Kreuzung fehlt ein Übergang. Rechtsseitig von der Inninger Richtung Tattenbach: fehlt. Keine Ahnung wieso, der Übergang fehlt einfach. Es ist also mehr als erwartbar, dass Radfahrende dann einfach auf der anderen Kreuzungsseite queren. Nicht korrekt, aber erwartbar, da scheiße gebaut. Nun kommt es aber in diesem Fall ganz sicher nicht zu „Radlern mit hoher Geschwindigkeit“. Wer hier quert, rollt ja gerade erst vom Straßenrand los, dürfte also nur unwesentlich schneller sein als der Fußverkehr. Welche Gefahr hiervon sowohl für Fußgänger als auch Autofahrende zu befürchten sein soll, ist mir nicht klar.

Long story short: Nicht nur weisen die Autofahrenden einen (deutlich) höheren Anteil an Fehlverhalten auf, ihr beobachtetes Fehlverhalten hat auch die potenziell gravierenderen Auswirkungen. Darauf geht der Artikel jedoch nicht im mindesten ein. Vielmehr werden den Zahlen zu den Autofahrenden die der Radfahrenden relativierend entgegengestellt – und leider bleibt es nicht dabei.

Denn, wie sollte es auch anders sein:

Die Polizei weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass etwa 65 Prozent der Fahrradunfälle von den Fahrradfahrern selbst oder zumindest teilweise selbst verschuldet sind.

Diese Zahl taucht immer wieder auf. Und sie ist, um es in aller Deutlichkeit zu sagen, völliger und kompletter Unsinn. Der Teil mit „zumindest teilweise selbst verschuldet“ ist aussageloser Quatsch, denn offenbar gibt es dann ja noch (mindestens) einen weiteren Mitschuldigen und über die Anteiligkeit sagt die Aussage überhaupt nichts aus. Sie ist damit nicht einzuordnen und ganz offensichtlich nur dazu da, um die Prozentzahl höher ausfallen zu lassen.

Die Unfallstatistik kennt zudem nur einen Hauptschuldigen (Erster Beteiligter) und weitere Beteiligte (ohne Quantifizierung einer etwaigen Schuld, zumindest konnte ich nichts anderweitiges herauslesen: Unfallstatistik 2016, destatis, 359 Seiten). Desweiteren muss man – insbesondere in dem Zusammenhang dieses Artikels und dieser Zählaktion, die ganz offensichtlich auf den Konflikt Radfahrende/PKW abzielt – die Statistik spezifischer betrachten. Die oft genannte Zahl von rund zwei Dritteln an Unfällen, an denen Radfahrende Schuld haben, lässt sich nur nachvollziehen, wenn man die Alleinunfälle mit einrechnet – die bei Radfahrern überproportional vertreten sind. Dabei lassen sich aus der Statistik auch ganz gezielt Unfälle nur zwischen Radfahrenden und Personenkraftwagen ablesen, je nach Gusto noch innerorts und außerorts und nach Unfallschwere (Personenschaden, Sachschaden etc.). Nimmt man etwa Unfälle innerorts zwischen PKW und Rad mit Personenschaden, so ergibt sich ein mehr als umgekehrtes Bild: mehr als dreimal so häufig war der Fahrzeugführer des PKW der Unfallverursacher (33579 vs 10803). Die Statistik führt Unfallzahlen auch nach Unfallverursacher, Unfallgegner und Unfallfolgen auf, was eine weitere Gewichtung des Risikopotenzials ermöglicht. Und hier kommt man (innerorts+außerorts) bei 35741 Fällen, in denen der/die Autofahrende die Hauptschuld trägt, auf 35822 verletzte Unfallgegner. Demgegenüber stehen 11673 Fälle, in denen die/der Radfahrende die Hauptschuld trug, wobei sich sagenhafte 301 Unfallgegner im PKW verletzten (aber praktisch alle Radfahrenden).

Wieder: es geht nicht darum, mit der Schuld der anderen von der eigenen Schuld abzulenken, diese sozusagen zu legitimieren, weil „die Anderen“ ja auch, vielleicht sogar öfters, Schuld haben. Es geht um eine sachliche Gewichtung, um Kontext. Der einzige Kontext, der landauf, landab aber gebracht wird, sind die angeblichen zwei Drittel aller Unfälle, an denen Radfahrende Schuld seien.

Das ist nachweislich in dieser Pauschalität falsch und unterstützt völlig falsche Schlussfolgerungen.

Der Polizei ist das ohne Zweifel bekannt. Dennoch wird die Zahl wieder und wieder kommuniziert. Und wieder und wieder zu unkritisch übernommen. Natürlich ist es ein legitimer Punkt, darauf hinzuweisen, dass das Verletzungsrisiko für Radfahrende bei einem Unfall ungleich höher ist als etwa für Autofahrende (bei einem Unfall zwischen diesen beiden). Natürlich liegt es dann nahe, diesem vermeintlich „schwachen“ Verkehrsteilnehmer zu besonderer Vorsicht zu raten. Doch dabei ist es von entscheidender Bedeutung, wer wem diesen Ratschlag gibt. Wenn Eltern ihren Kindern Vorsicht einüben, ist das eine Sache. Die Polizei hingegen sollte sich wesentlich mehr auf den überaus offensichtlich größeren Risikofaktor im Verkehr konzentrieren, statt mit irreführenden Zahlen gerade davon abzulenken und sich darüberhinaus in fragwürdige Verhaltensregeln für die tendenziellen Opfer zu versteigen („im Zweifel besser mal auf die Vorfahrt verzichten“).

Rücksichtnahme ist gut, und geplante Kampagnen, die auf ein besseres Miteinander abzielen, sind absolut zu begrüßen. Aber ein erster Schritt wäre vielleicht auch, nicht ständig – ob bewusst oder unbewusst – das Gefährdungspotenzial zu relativieren und den Radfahrenden anzuhängen.