Vielsagende Themenwahl?

Die Abschlussveranstaltung zum Stadtradeln ist eine gemeinhin spannungsarme Veranstaltung. Es ist eine freundliche Geste Richtung Radfahrende, die der Stadt mit ihrem Einsatz eine recht einfache (wenngleich kleine) Marketingbotschaft ermöglichen. Ich meine das nicht zynisch oder undankbar. Es ist eben Gepflogenheit, die Stadt könnte sich das Stadtradeln-Brimborium auch sparen, was sie glücklicherweise nicht tut, aber sie zieht natürlich auch ihren Nutzen daraus. Es ist eine schöne, größtenteils harmlose Symbiose.

In früheren Jahren konnte man vom Baureferenten oder Fahrradbeauftragten der Stadt noch ein paar konkrete abgeschlossene oder geplante Fahrradmaßnahmen erfahren. Bei den letzten Ausgaben fiel das jedoch komplett weg. Was bleibt, sind neben der Verleihung der immer gleichen Preise der immer gleichen Sponsoren die (imho) immer etwas fehl am Platze wirkende Kritikrede des ADFC (inhaltlich tadellos, aber es ist halt ein happy-happy-feelgood-Abend) und die Wortbeiträge der jeweils anwesenden Politikervertretung. Und letzteres war das Interessante dieses Jahr.

Eva Weber, Wirtschaftsreferentin, wird — sofern nichts sehr Außergewöhnliches passiert — Augsburgs nächste Oberbürgermeisterin, schon lange ist sie das „Gesicht“ der Stadtregierung. Beim Stadtradeln-Abschluss war es ihr erster Auftritt und insofern betrachte ich ihr Auftreten sozusagen als „Vorstellung“ vor versammelter Radrunde. Vor einem Publikum, das vielleicht nicht gerade aus Hardcore-Radaktivisten besteht, aber aus AlltagsradlerInnen, die sehr bewusst ihr Verkehrsmittel wählen.

Eva Weber erzählte (glaubhaft) von ihren positiven Eindrücken der diesjährigen Radlwoche, dass sie das erste Mal ein Lastenrad getestet habe (uns wohl eines bestellt habe, wie mir gesagt wurde), dass sie ein Rad, wie es am Ende verlost werde, selbst besitze usw. Dem Anlass und Publikum entsprechendes. Um dann von der Wertachstraße zu erzählen. Dass es da den Antrag gegeben habe, auch für den Radverkehr etwas zu verbessern, aber dass Augsburg eine gewachsene Stadt sei, dass es dort keinen Platz gegeben habe und dass man eben nicht nur alles für Radfahrende machen könne sondern auch mal an die anderen denken müsse, an Geschäftsbetreiber in der Einkaufsstraße.

 

Eine … bemerkenswerte Themenwahl, in mehrerlei Hinsicht. Offenbar wollte sie ein aktuelles Thema einbauen, die Wertachstraße war nur ein paar Tage zuvor im Stadtrat. Viel aktueller hingegen wäre der Start des Shop&Drop gewesen: Ein neuer Service, bei dem man seine Einkäufe in der Innenstadt an einer Stelle abgeben und sich per Rad zum Wunschtermin nach Hause liefern lassen kann. Das Angebot ist für NutzerInnen kostenfrei und wird vom Stadtmarketing zwei (!) Jahre anschubfinanziert. Ein Vorstoß, auf den man durchaus stolz sein kann und für den man ein überaus empfängliches Publikum gehabt hätte, das, wenn es schon nicht selbst Zielgruppe, so doch — viel wichtiger — Verstärker der Botschaft sein könnte.

Aber nein. Sie wählte stattdessen den Umbau der Wertachstraße und dabei spezifisch den Umstand, dass da nichts für Radfahrende drin gewesen sei, weil es nicht immer nach deren Nase gehen könne. Dabei gilt es weiter zu beachten, dass die Wertachstraße (meines Wissens) noch nie im besonderen Fokus der Fahrradstadt stand. Ich für meinen Teil hatte die zumindest nicht auf dem Zettel. Nicht in dem Sinne, dass man da nichts besser machen könne (man kann). In dem Sinne, dass die Wertachstraße noch nie im Zusammenhang mit dem Projekt Fahrradstadt genannt worden wäre, seit ich mich dafür interessiere. Des Weiteren ist der Umbau der Wertachstraße nur ein Aspekt eines größer angelegten Vorhabens, nämlich der Aufwertung des Stadtviertels Rechts der Wertach. Zum Umbau dieses einen, vielleicht 400 Meter langen Straßenabschnitt heißt es zudem:

 

Die Planer wollen die Straße durch breitere Gehwege und Querungsinseln attraktiver machen und zugleich den Verkehr verlangsamen. Zudem sollen neue Bäume dazu beitragen, dass die Straße einen eigenen Charakter entwickelt

Dieses Maßnahmenpaket muss man also mitnichten als „da war für Radfahrende nix drin, es kann nicht immer nur nach euch gehen, man muss schon auch mal an die anderen denken“ formulieren. Natürlich steht da nichts von einem markierten Radweg und natürlich bedeuten breitere Fußwege ohne wegfallende Parkplätze weniger Platz auf der Straße, die sich Radfahrende mit Autos und Straßenbahn teilen müssen. Aber wer Schönwetter machen will, betont die „Verlangsamung des Verkehrs“, betont die Veränderung des Straßencharakters, was sehr wohl (auch) Radfahrenden zugute kommen kann — vielleicht sogar mehr als eine Radspur entlang von Parkplätzen, die dann eh immer voller Autos steht.

Aber Frau Weber entschied sich auch hierfür nicht. Aus allen versöhnlichen Möglichkeiten wählte sie die Konfrontation. Da kann man jetzt sagen: naja, stimmt ja auch, es kann wirklich nicht immer alles nach den Wünschen der Radfahrenden gehen, warum das also auch nicht genau so sagen? Richtig. Kann man. Es ist eine Entscheidung. Eine bewusste Entscheidung. Sie wollte das sagen und sie wollte es genau so sagen. Bei ihrem ersten Auftritt vor einem Alltagsradler-Publikum, einer Veranstaltung, auf der Sattelüberzüge und Trinkflaschen, Trambahnrundfahrten und Biergartengutscheine verschenkt werden an SchülerInnen, Stadtangestellte und sonstige BürgerInnen, die in drei Sommerwochen nichts besseres zu tun hatten, als möglichst viele Kilometer Rad zu fahren, war es ihr wichtig zu betonen, dass man „auch mal an andere“ denken müsse.

Ok. Die Ecken sind bezogen. Mit dem Klartext kann ich gut leben.