Eine Ode an das Radfahren

Jahresende, Zeit zu bilanzieren! Aber heute erzähle ich nichts über Zahlen, über ärgerliche, fehlende oder gefährliche Verkehrsführungen. Ich erzähle davon, worum es wirklich geht: ums Radfahren.

Denn Radfahren ist großartig. Nicht nur samstags bei Kaiserwetter auf dem Weg zum See. Nicht nur auf einer Tour nach Kloster Andechs mit Blick auf die Alpen. Sondern auch Montag morgens auf dem Weg zur Arbeit, im Nebel, im Regen, im Schnee, bei Wind (naja, bei Wind vielleicht nicht ganz so sehr). Durch den Wald, über Felder, auf Radwegen und durch die Stadtmitte. Mit Hänger und Kind, auf dem Alltagsrad oder dem Rennrad. Zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Arzt, zum Kindergarten, Freunde besuchen oder zum Kundentermin. Radfahren ist so viel mehr als eine Wahl des Verkehrsmittels.

Ich für meinen Teil sitze bei meiner Arbeit den ganzen Tag am Schreibtisch. Und nicht falsch verstehen: Ich liebe meine Arbeit. Aber das gesündeste kann das nicht sein. Und bevor ich in ein Fitness-Studio gehe, wo ich mich auf ein Rad setze, mit dem ich nicht voran komme – warum nicht den Arbeitsweg zur Bewegung nutzen? Und warum nicht den Arbeitsweg von einem eher stressigen Anhängsel der Arbeitszeit zu einer Erweiterung der eigenen Freizeit machen? Radfahren macht genau das. Es macht morgens wach und lässt einem abends die Zeit, die Arbeit dort zu lassen, wo sie hingehört: im Büro. Selbst nur eine halbe Stunde Bewegung ist bestes Kreislauftraining. Früh dran? Warum nicht einen Umweg fahren? Warum nicht einmal eine andere Route nehmen? Warum nicht anhalten, in den Sonnenuntergang schauen und sich denken: Oh Gott, wie geil ist das denn?

Die Freiheit auf dem Rad ist nicht, dass man an der Ampel am Stau vorbeirollen kann. Nicht, dass manche glauben, dass Verkehrsregeln nicht ganz so streng zu befolgen sind, weil man sie auf dem Rad leichter brechen kann, vermeintlich folgenlos. Es ist die Freiheit, den Weg zu erfahren statt ihn als Strecke zu sehen, die man eben zwischen A und B überbrücken muss. Es ist die Freiheit, viel mehr Auswahl an Routen nehmen zu können, viel mehr das eigene Tempo bestimmen zu können, viel mehr die Zeit nutzen zu können.

Ist Radfahren in der Stadt stets ein Rausch der Glückseligkeit? Nein, natürlich nicht. Allerdings scheinen mir auch andere Verkehrsteilnehmer nicht direkt von purer Freude getrieben. Es mag viele gute Gründe für die Wahl des einen oder anderen Verkehrsmittels geben. Aber vielleicht ist auch nur ein Teil davon ein guter Grund, ein anderer Teil eher Ausrede, ein weiterer Teil Mythos. „Du fährst bei dem Wetter noch Rad?“ Das ist so ein Mythos. Von den rund 500 Radfahrten dieses Jahr waren über den Daumen gepeilt 25 im Regen. Und kalt war mir noch viel seltener. Kalt wird einem beim Warten auf den Zug, die Tram, den Bus. Beim Kratzen der Windschutzscheibe. Beim Weg vom sitzbeheizten Auto ins Büro. Aber sicher nicht auf dem Rad.

Wissen Sie, wen ich noch auf dem Rad antreffe, sobald die Witterung schlechter wird? Irre Extremsportler? Nein (naja, auch). Ältere Mitmenschen. Und einer von denen will ich auch mal werden. Ich will auch noch später das Rad als Verkehrsmittel nutzen können. Es jetzt schon zu tun ist neben all den Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann, einer, der in meinen Händen liegt. Oder Füßen. Und ich will, dass ich das dann auf Verkehrswegen tun kann, die einem wachsenden Radverkehr angepasst sind. Und ich wünsche mir, dass es bis dahin ein gutes Stück „normaler“ ist, das Rad nicht als eines, sondern als DAS Verkehrsmittel der Wahl zu betrachten.

Now go out riding.

Was ist das hier, was soll das?

Mit dem Rad zur Arbeit – was gibt es Schöneres? Ok, das eine oder andere vielleicht schon, aber Radfahren – auch und gerade in der Stadt – ist etwas Großartiges und wer das Glück hat, nicht auf ein Auto angewiesen zu sein, wird ein Lied davon singen können. Ebenso wie von Schlaglöchern, sinnbefreiten Verkehrsführungen, Wegen ins Nichts und und und. Wir befinden uns in einer Zeit, in der zwar der motorisierte Individualverkehr dominiert, aber in der andere Fortbewegungsarten an Stärke gewinnen. Dass in einer solchen Übergangszeit weder die Infrastruktur noch das Regelwerk (geschweige denn die Mentalität) mit der Veränderung Schritt halten, ist normal.

Radverkehr ist noch die Ausnahme, Radeln ist etwas langsames, für kurze Wege – so werden RadfahrerInnen noch oft gesehen, so sehen Regelwerk und Infrastruktur aus. Weder für eine zunehmende Masse an RadfahrerInnen, eine größere Vielfalt an Radtypen, noch immer schnellere Nicht-Ausflügler ist das bisherige System ausgelegt. Und genau das belegen (hoffentlich) die Beispiele hier. Sie sind kein überpingeliges Genörgle, sie sind Ausdruck sich verändernder Gewohnheiten und Ansprüche von AlltagsradlerInnen. Es geht nicht um einen Pranger, Schuldzuweisung oder geforderter Alleinherrschaft des Rads. Es geht darum, gestiegene und/oder veränderte Bedürfnisse des Radverkehrs zu zeigen.

Und weil Radfahren selbst jetzt schon großartig ist, dürfen auch positive Beispiele und Momente nicht fehlen. Ich bin gespannt, was sich entwickelt. Wer beitragen möchte, darf sich gerne melden.