Oder: Warum das alles und warum gerade so?

Zu Beginn des Blogs habe ich schon einmal versucht, das zu beantworten, und die Erklärung bewusst recht kurz gehalten. Tatsächlich wusste und weiß ich nicht, wohin all das führen würde/wird, noch ist das eine Frage, die ich mir selbst abschließend beantworten kann. Da aber glücklicherweise die Zeit auch Feedback mit sich bringt, halte ich es für notwendig, doch nochmals etwas detaillierter darauf einzugehen. Um Interessierten einen Kontext zu geben, damit sie die einzelnen Beiträge besser ein- und zuordnen können.

Der Anfang

An diesem stehen zwei Dinge: eine Entwicklung und ein Anlass, das Fass zum Überlaufen zu bringen. Die Entwicklung dauerte mehrere Jahre an und ist noch lange nicht zu Ende. 2009 begann ich, meinen Arbeitsweg ausschließlich mit dem Rad zurückzulegen. Rund ums Jahr, ob warm, ob kalt, ob Sonne, ob Schnee. Ich könnte auch noch früher beginnen, als ich sowohl mit dem Zug pendelte als auch bei schönem Wetter mit dem Rad. Oder noch früher, als ich die Fortbewegung mit dem Rad als völlig unzumutbar empfand und lieber mit dem Auto fuhr. Yep, I’ve come a long way.

Erst mit der kompromisslosen Änderung der Gewohnheiten beginnt sich – imho – die Wahrnehmung nachhaltig zu verändern. Und das eigene Verhalten. Jedoch nicht schlagartig, sondern schleichend. Natürlich: Vorher war Radfahren die Ausnahme. Eine Art „Urlaub“ vom „normalen“ Verkehrsmittel. Man ist sozusagen Tourist im Alltag der anderen – und wie finden wir Touristen, wenn sie unserem Alltag in die Quere kommen? Genau. Und nur, weil man aus dem Urlaub einen Dauerzustand macht, wird man noch nicht sofort zum Einheimischen (ich zumindest nicht). Ich fürchte, ich würde meinem früheren Ich, würde es mir heute über den Weg fahren, einige deutliche Worte mit auf den Weg geben.

Erst im Laufe der Zeit wurde ich vom „Nicht-Autofahrer“ zum Radfahrer – also einem Verkehrsteilnehmer, der sich nicht darüber definiert, was er gerade nicht ist und was daraus resultierend für ihn vermeintlich nicht gilt oder ihm deshalb möglich ist. Sondern der ist, was er ist: ein Verkehrsteilnehmer. Mit allen Rechten und Pflichten. Aber in einer neuen, anderen Rolle, mit anderen Voraussetzungen. Die Bedürfnisse sind hingegen im Prinzip dieselben: von A nach B kommen, möglichst störungsfrei.

Das mit den unterschiedlichen Voraussetzungen bringt mich schließlich zum zweiten Punkt, dem Anlass, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein Unterschied ist, abgesehen davon, dass man zum Beispiel nicht mehr zwei Tonnen Stahl um sich herum als Rüstung trägt, dass man bei weitem nicht dieselbe Infrastruktur nutzt, welche dem motorisierten Verkehr zur Verfügung steht. Der Radinfrastruktur geht die Selbstverständlichkeit der PKW-Infrastruktur – Geradlinigkeit, Konsistenz – fast vollständig ab. Was die StVO schon einigermaßen vage definiert, ruiniert die Umsetzung gänzlich. Die Folge ist, dass es enorm schwierig sein kann, sich „einfach nur“ an die Regeln zu halten. Und ich denke, dass dies ein Umstand ist, den Autofahrer (und auch die gelegentlichen Radler, die mental nur „Nicht-Autofahrer“ sind) kaum nachvollziehen können. Unklare (oder gar ordnungsrechtswidrige) Beschilderungen, ständig wechselnde Verkehrsführungen, wechselnde Ampelanlagen – das findet für den motorisierten Verkehr nicht statt.

Und so begab es sich eines sonntags – na endlich – dass ich über eine grüne Fußgängerampel rollte, ein linksabbiegender Autofahrer mir extra langsam fahrend den Weg abschnitt, das Fenster im Vorbeifahren herunterließ und mir zuraunte, dass „des fei für d’Fußgänger hier is“. Tatsächlich zeigte die Ampel lediglich ein Fußgängersymbol. Allerdings zeigte die Ampel zur Straßenquerung in beide Richtungen nur Fußgänger, es war nur eine Furt vorhanden, aber auf beiden Seiten ein Radweg. Wie die meisten Menschen wurmte es mich enorm, eines Fehlverhaltens bezichtigt zu werden. Schlimmer war nur, dass ich nach längerer Suche nicht einwandfrei beantworten konnte, ob ich recht oder unrecht hatte. Dass es obendrein möglich war, etwas so simples wie eine Ampel so derart kompliziert zu regeln (und umzusetzen) führte in letzter Konsequenz … hierzu. Ich war es leid, jeden Tag mehrfach in Situationen zu kommen, die sich nicht absolut offensichtlich eindeutig auslegen lassen.

Die Konsequenz

Das Selbstverständnis als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer trifft auf ein Regelwerk und dessen Umsetzung, die es mir schwer macht, mich daran zu halten und/oder mich gleichberechtigt durch den Verkehr zu bewegen. Das ist die Perspektive, mit der ich die Radinfrastruktur heute betrachte. Ich halte mich gerne an Regeln. Nicht um der Regel willen (man denke an die rote Ampel nachts um drei), sondern weil ich der Überzeugung bin, dass ein regelkonformes Fahren vorhersehbares Fahren ist und damit sicheres und flüssiges Fahren ermöglicht. Gleichzeitig bin ich nicht bereit, meine Bedürfnisse einzuschränken, nur weil die von mir gewählte Mobilitätsform leider nicht der vorherrschenden Fortbewegungsart entspricht. Es ist ja nicht so, dass Radfahren ein Extremsporthobby weit außerhalb der gesellschaftlichen Norm wäre. Dementsprechend halte ich es für legitim, ein Geraderücken der unproportional zugunsten des MIV verschobenen Prioritäten und Raumverteilungen zu fordern.

Daher zeigen die Beispiele auf dieser Seite eben vornehmlich dies: eine übermäßig einseitige Platzverteilung, eine umständliche Wegeführung, eine unklare Regelung. Dabei steht nur selten eine einzelne Begebenheit für den Weltuntergang. Natürlich fahre ich nicht fatalistisch in unlösbare Verkehrssituationen und stehe dann hilflos herum, sobald ich mich nicht mehr buchstabengetreu an die StVO halten kann. Nicht wegen jeder einzelnen Begebenheit muss ich an Ort und Stelle in eine Grundsatzdiskussion verfallen, die Polizei anrufen und den Baureferenten herbeizitieren. Natürlich kann ich „da mal drumherum fahren“, natürlich kann ich „mal einen Umweg in Kauf nehmen“ und natürlich kann ich „mal“ über durchgezogene Linien und auf Fußwegen fahren und Regeln brechen, die eh kaum einer kennt. Immerhin bietet mir das Rad die nötige Flexibilität, um auf einige Widrigkeiten weit besser regieren zu können als etwa mit einem ungelenken PKW. Aber ich will diese Flexibilität nicht nutzen müssen, um eine systemische Ungerechtigkeit zu überdecken.

Es geht darum, dass das Gesamtbild eben mehr ist als die Summe aller Einzelbeispiele. Aber Einzelbeispiele herauszufischen ist das, was ich kann. Es hilft mir selbst, das Mosaik immer weiter zusammenzusetzen. Letztlich ist es eine Art der Selbsttherapie.

Was es nicht ist

Wozu dies alles nicht dient, ist eine Schuldzuweisung. Ich weiß, dass sich meine Formulierungen dann und wann etwas schroff lesen können, aber jemanden persönlich zu beleidigen, ist sicher nicht meine Absicht. Ich weiß natürlich auch, dass etwas nicht absichtlich zu tun nicht bedeutet, dass man es nicht dennoch getan hat. Insofern bitte ich jeden, der sich über Gebühr angegriffen fühlt, sich zu melden (flo@radirrwege.de). Ich bemühe mich, von gelegentlichen Rants abgesehen, konstruktiv zu sein. Aufzuzeigen, was aus welchen Gründen missfällt und welches eine bessere Lösung sein könnte. Dabei nehme ich nicht in Anspruch, dass es sich um ausgereifte, realistische Ideen handelt. Ich bin weder Verkehrs- noch Städteplaner, kein Jurist oder sonst etwas fachlich hilfreiches.

Ich weiß (aus meinem Beruf als Grafiker, wobei das so ziemlich jeder nachempfinden können wird), dass die ständige Kritik von „Fachfremden“, die zudem nicht annähernd einen Einblick in alle Begebenheiten, Sachzwänge und sonstigen Umstände haben, enorm beleidigend wirken können. Aber ich weiß auch, dass Kritik anstachelt. Und ich weiß auch, dass weder Flyer für Grafiker noch Straßen für Verkehrsplaner entworfen werden. Sondern für „normale“ Menschen. Leider dürfen die das dann auch kritisieren.

Gerne darf auch angemerkt werden, dass ein Blog noch lange keine konstruktive Mithilfe an der Lösung der bemängelten Situation ist. Point taken. In der Tat ist es ein ganz anderer Maßstab, Missstände darzustellen oder sie zu beheben (oder auch „nur“ deren Behebung so lange vehement zu fordern, bis sie behoben sind). Allerdings macht das die reine Darstellung und Sammlung von Missständen nicht weniger legitim. Das mit dem politischen Engagement ist nicht meins. Es wäre ein zeitlicher Aufwand, den ich nicht leisten kann (oder will, denn was einem wichtig ist, dem räumt man die Zeit ein? – das mag jeder sehen, wie er mag). Alleine regelmäßige Posts im Blog sind schon eine Herausforderung – und das liegt nicht an fehlenden Fallbeispielen.

Wie gesagt, all dies hier ist ebenso Hilfsmittel, mir selbst den Themenkomplex und meine eigene Meinung dazu stückchenweise zu erarbeiten, wie auch Selbsttherapie (damit ich nicht meine Familie immer und immer wieder mit aberwitzigen Markierungen und verfluchten Deppenparkern* langweilen muss).

So long, ride safe.

*aka Falschparker; ein Thema, bei dem ich zusehends militant werde und auch jedwede Lust verliere, irgendwie kompromissbereit zu erscheinen